Beate Rothmaier Autorin

Abgesang. Wien ist die Stadt der alten Frauen.

in: entwürfe 64, Zeitschrift für Literatur, 4/2010.

Wien ist die Stadt der alten Frauen. Die Schanigärten, die sanften Tauben, die Fiaker, der Schmäh. Wien schlurft durch die Jahreszeiten und Jahrhunderte, die Henkeltasche voll Familienschmuck, Erinnerungen und winziger Habseligkeiten. Spitzentaschentuch, Bleistiftstummel, getrocknete Seepferde. Hier ein Würzelchen, da eine Pipette. Stärkungsmittel, Herztabletten, Rosenblätterstaub, ein Amulett. Ein zerdrücktes Trambahnbillett, eine fingergroße Bleifigur, die dem Vaterbruder Glück gebracht hat im Ulanenregiment, auf dem Rücken eines Kassenzettels, das letztgeschriebene Gedicht.

Drei Schwestern in Wien, zusammengezwungen in einer Buchstabenfolge. Die Schreiberin, die Malerin, die Kinogeherin. Gebrechlich stehen sie in ihrem achten, neunten Lebensjahrzehnt, bald werden sie – todessehnsüchtig die eine, widerwillig die andere, ohne Bedauern die dritte – sterben. Sicher könnte ich, schreibt die Kinogeherin, leben so oft vor mich hersagen, bis mir übel davon würde und ich mich gezwungen sähe, zu einer anderen Bezeichnung überzugehen. Und sterben noch öfter. Doch leider wird noch nicht gestorben. Noch staksen sie, jede für sich, durch die Straßen oder schweben auf geflügelten Schuhen, je nach Pegelstand der Einbildungskraft, je nachdem wie sehr die Motive sich verflüssigen und wieviel Sternenstaub fiel in der Nacht. Sie tappen um die Häuserecken auf der Suche nach Wörtern und Wendungen, Bildern und Botschaften. Beim Gehen über Kopfsteinpflaster splittert unbemerkt ein Mäuseschädel unter der stillen Hast der Sohlen, brechen zwei Flügelknöchelchen, Elle und Speiche, knacken wie dürre Zweige. Die alten Frauen halten inne, horchen mit nach vorn gerecktem Kinn, fast ist ihnen, als hätte die eine Schwester der andern einen Bannspruch aus den Kindertagen des vergangenen Jahrhunderts mit feuchtem Atem ins Ohr gewispert. Ich lasse mir nicht mehr Angst machen, ich habe genug davon. Doch nein, es ist nur ein Novemberwind, er treibt die krummgetrockneten Blätter übers Pflaster. Ins warme Dunkel geschlüpft, in den durchgehockten Sessel gesunken, flutet sich die Kinogeherin mit Bildern. Körperempfindungen nimmt die Malerin wahr. Stunden vor der Leinwand sitzend, verrichtet sie die schweren Arbeiten der Mundverklemmung, Rauchverwirrung, Stoßsteißverabreichung, der Bauchentplätscherung. Ja auch dieser. Ja. Ganz in den Wortverdrahtungen lebt die Schreiberin, stapft über den Zentralfriedhof, bemurmelt ihren Toten. Sehr leise, doch wer an sie herantritt und ihr zuhört, kann verstehen: sie verflucht die Unabwendbarkeit des Todes. Den Verlust des Lebensmenschen, den sie hier begrub. Sie will nicht hinterher, scheut, trotzt, verweigert sich. Ohne Einsicht in die begrenzte Frist des Lebens, will sie noch viel, hat ihre Wörterquellen lange noch nicht ausgetrunken, hat die weißen Laubhaufen aus Notizen, Skizzen und Notaten noch nicht aus ihren Schachteln und Körben geholt und zwischen zwei Buchdeckelflügel entlassen. Derweil liegen hier in den Grabschächten all die Eitelkeiten, die gestorbenen Hüllen eines immer noch Ministerialrats, Kammergerichtspräsidenten, Steuerkommissars, und küssen mit klapperndem Gebiss den gnä Fraun die knochigen Hände. Die Schreiberin stößt mit der Schnabelspitze des Schuhs gegen die Grabmäler, diese steinernen Visitenkarten mit denen die bessere Gesellschaft sich im Diesseits verewigt hofft, im Jenseits antichambriert. Die alte Schreiberin reitet auf dem Bugholzsessel durch Zettelwolken, übt das Totstellen, hält die Schreibhand still.

Die Nadel ans Papier halten. Seismographisch leben. Aufzeichnen die Erschütterungen, die tektonischen Verschiebungen der Lebensplatten, noch jedes kleinste Zittern, jedes leiseste Grollen aus den Fältelungen der Wortlandschaften. Aufzeichnen, sich aufzeichnen lassen. Festhalten, niederschreiben in gekritzelten Kurven, was sich zeigen will. Möglich, dass die Nadel zittert und dass Tinte fehlt, und feinstkariertes Endlospapier leer bleibt, dass nichts sich zeigt. Möglich, dass die Tinte spritzt und sich unter der jetzt still stehenden Nadel zu einem dunklen Fleck ausbreitet, einem Muttermal mit fransigen Rändern, einem Loch, durch das die Lesenden in die Leere des versiegenden Wortbrunnens fallen. Möglich auch, dass da nichts zittert und nichts spritzt, dass das Schreiben in einer trockenen Starre erstirbt, der paralysierten Ruderbewegung eines hilflosen Nichtschwimmers gleich, den seine Übungen im kühlen Morgenlicht am Flussufer noch immer nicht dazu befähigen, das dunkle Wasser zu betreten und dem imginären Pfad ans andre Ufer zu folgen; bis der samtweiche Schlammboden unter seinen Füßen sich ihm entzieht und das schmeichlerische Wasser ihn trägt, über den Abgrund hinaus, die Oberfläche entlang, dem Glücksgefühl des Schwimmenkönnens überlassen, das aus dem Getragensein entsteht und einem Menschenwesen augenblickshaft nur dieses eine, dieses erste Mal, zuteil wird.
(…)

Lesungen

Mi, 24. Okt 2018

18:30 Uhr
Podiumsdiskussion

70 JAHRE SPD ELLWANGEN
Moderation der Podiumsdiskussion mit
Thomas Geisel, OB Düsseldorf
Ariane Bergerhoff, Stv. Vorsitzende SPD Ellwangen
André Zwick, Vorsitzender SPD Ellwangen und Kreisverband Ostalb
Herbert Hieber, Fraktionsvorsitzender SPD Gemeinderat Ellwangen

Einladung 70 Jahre SPD Ellwangen

Sa, 22. Sep 2018

11:00 Uhr
Fest für Demokratie und Menschenrechte

HEIMAT HEISST UBUNTU ZUM BEISPIEL
Ellwangen, Fuchseck ab 11 Uhr

Do, 30. Aug 2018

18:00 Uhr
Schreibwerkstatt

MACH EINE GESCHICHTE
Schreibwerkstatt mit Beate Rothmaier
im Rahmen von SOMMER IN DER STADT
Volkshochschule Ellwangen, 30.8. und 6.9.2018, 18 bis 21 Uhr

Schreibwerkstatt Ellwangen Programmheft