Beate Rothmaier Autorin

Alles in Ordnung. Mörike I

in: Mauerläufer. Literarisches Jahresheft. 2015

Mörike ging langsam die Straße hinab. Er dachte: ich gehe. Er dachte nicht: ich ging. Imperfekt, dachte er, bedeutet bereits eine Erzählbehauptung, zu der ich mich nicht befähigt fühle. Er ging, nachdem er seine Schriften verlassen hatte, langsam die Straße hinab. Ich schlendre, flaniere, schleiche, trödle nicht, ich gehe langsam. Widerstandslos und ungerichtet. Es gibt kein Ziel, nur die lange, an jeder Stelle leicht zu unterbrechende Linie meiner Schritte. Etwas schwankend und in Schlangenbewegungen und von fern hell knatternder Motorenlärm. Sie ist‘s. Die Zeit der Rasenmäher, die Zeit des kühlen matten Dufts von frisch geschnittenem Gras, der sich unter den Dieselrauch der Maschine mischt, ist gekommen. Schuhe, dachte Mörike, und bewegte die Zehen, Schuhe sollte man tragen und fühlte das vertraute Leder seiner Halbschuhe den Fuß umschließen, ihn bei jedem Schritt haltend und zugleich der Abrollbewegung nachgebend. Feste Schuhe, geschlossene Schuhe, damit kein menschliches Fleisch der Grasschneiderei zum Opfer fällt. Mörike ging langsam die Straße hinab, vorbei an kastenförmig gestutzten Hecken, leer gefegten Garageneinfahrten und schmiedeeisernen Briefkästen auf der einen Seite und auf der anderen krummen Apfelbäumen mit weißem Schaum auf dem Kopf. Ist sie schon da? fragt er sich. Ist sie jetzt aufgerufen im Kopf der Leserin, diese nicht zu schmale Wohnstraße in der Vorstadt, mit leichter Steigung, die ich jetzt hinuntergehe, an den Bux-, Ligusterund Thujawällen entlang, an den mit Unkrautfrei bestreuten Plattenwegen, den Eingangstüren aus dunklem Glas, die genau die Menge Licht in den Hausflur lassen, dass der Eindruck von Melancholie und Düsternis nicht weicht, sondern im Gegenteil betont wird, als käme es auf diese beiden an, als seien sie das geheime Ziel der Türwahl, wenn nicht des Hausbaus gewesen. Alles Geld ins Grundstück gesteckt und in die darauf gestellten Fertigteile des Eigenheims; für eine neue Eingangstür ist nichts geblieben, trotz der hysterisch niedrigen Hypozinsen, Rate für Rate für Rate, bedient werden. Mörike ging im Nachmittagslicht dahin und dachte, dass er vergessen hatte, Rasierwasser aufzutragen, und dass das Wissen um seine Geruchslosigkeit ihn schutzlos macht und ihm gleichzeitig das Gefühl gibt, unsichtbar zu sein. Nicht gläsern unsichtbar wie unter einer Tarnkappe oder einem Zauberumhang, eher weißlich, ein Nebelwesen und als solches unkenntlich, dennoch vorhanden in seiner bekannten untersetzt korpulenten Gestalt, die jetzt durchlässig geworden war, substanzlos bis auf die Ahnung eines hellen Schleiers, dem Dampf ähnlich, der über der Teetasse sich verflüchtigt oder dem Atemhauch, der an kalten Tagen den Mund verlässt. Kurz dachte er, dass es seinem Fortkommen dienlich sein könnte umzukehren und das Versäumte nachzuholen, sich mit ein paar Spritzern Hattric seine Körperlichkeit zu sichern, da kam er an einem Grundstück vorbei, über dessen Gras, dicht wie ein Katzenfell, sich ein Gartenschlauch schlängelte und in einer Düse endete, die mit einem gleichmäßigen Klacken dünne Wasserfontänen über das Gras sprühte, da vergaß Mörike sein Vorhaben, neugierig geworden, wie sein neu gewonnenes Äußeres und der im schräg einfallenden Sonnenlicht glitzernde Wasservorhang sich bei einem Aufeinandertreffen verhalten würden, welche Art Reaktion sich zwischen dem in Form gebrachten Wasser und dem seiner Substanz verlustig gegangenen Menschenkörper ereignen würde. So betrat er den leeren Rasen, stellte sich eine Armlänge entfernt von dem handtellergroßen Klickmechanismus auf und wartete, bis der langsam im Kreis drehende Wasserschleier auf ihn fallen würde. Um die vollkommene Grasoberfläche nicht zu beschädigen und auch um den sinnlichen Genuss des zu erwartenden Ereignisses, das Besprüht- und Benetztwerden mit anschließendem Durchfeuchten zu steigern, entledigte Mörike ich seiner braunen Halbschuhe samt der grauen Socken, wobei es ihm, einem kindlichen Aberglauben folgend, besonders darauf ankam, die Schuhe auf dem Plattenweg parall ausgerichtet einander jedoch nicht berührend, aufzustellen, die losen Schnürsenkel in den Öffnungen zu verstauen und letztere mit den ordentlich übereinandergelegten Socken zu bedecken, so dass das Entweichen unangenehmer Gerüche aus den Schuhen vermindert, das Trocknen der Strümpfe hingegen ermöglicht wurde. Die Hosenbeine krempelte er nicht nach oben. Er wollte das Kitzeln der Grasspitzen – der Rasen war tatsächlich wie ein Katzenfell – an den Fußsohlen steigern durch das zarte Wischen der Hosensäume auf dem Spann. So stand er in seinem Sonnenfleck das Gesicht dem müden Licht zugewandt, hell leuchtete das Gras, dann dunkel, er wartete. Kurz meinte er, der Rasensprenger sei ausgeschaltet worden, denn das unermüdliche Klacken der Sprühdüse setzte aus. Er hörte es nicht mehr, dieses Alltagsgeräusch, das ihn ununterbrochen quälte, während er über seinen Papieren saß, die Zahlenreihen und Wörterlisten durchging, sie durchrechnete, die Summen des einen Blatts in das Register übertrug, um dieses zusammenzurechnen, wodurch er den Titel seines neuesten Werks ermittelte. Das Ergebnis lautete, und er hatte es, nach der jahrelangen Arbeit an seinem, wovon er überzeugt war, letzten großen Werk, fünfmal nachgerechnet, siebenhundertdreizehn, eine perfekte Zahl, die ihn zunächst zufrieden stimmte, sogleich aber in Unruhe stürzte und zu der Überzeugung brachte, dass sie falsch sein müsse, ganz und gar verkehrt, dass sie beim besten Willen nicht richtig sein konnte, denn er hatte feststellen müssen, dass die Siebenhundertdreizehn, wie er seinen aufs Sorgfältigste erstellten Wortlisten entnahm, für das Wort Ursuppe stand, und dieses war, ganz im Gegensatz zu seiner vollkommen anmutenden numerischen Entsprechung, Mörike ganz und gar zuwider. In den vielen Jahren, die er seinem perfekten System der Textgenerierung, einem komplizierten Schlüssel, der allen Wörtern derSprache Ziffernkombinationen zuordnete, augeklügelt von ihm, Mörike, nach einem nur ihm bekannten geheimen Algorhythmus, der Zahlen und Buchstaben so miteinander verrechnete, dass die Struktur des Textes sich aus den Ergebnissen langwieriger Rechenoperationen ergab, bis eine einzige letzte Zahl übrig blieb, deren Wortgenosse nicht nur für den Titel des Buchs, sondern für den zentralen und ihm bisdahin unbekannt gebliebenen Begriff des Texts stand, das worum es in Mörikes Werk eigentlich ging. Seit vierzehn Jahren arbeitete Mörike mit diesem System und er war stolz, dass es ihm nicht nur gelungen war, mit dieser Technik fünf dickleibige Bücher zu schaffen, sondern auch einen verschworenen Kreis von Anhängern zu finden, die ihn einmal wöchentlich aufsuchten, um die möriksche Textgenerierungsmethode zu erlernen. Er wusste, dass seine Theorie nicht perfekt war. Heute hatte er den bitteren Beweis dafür erhalten. Er war es, der ihn auf die Straße und hierher unter den Rasensprenger getrieben hatte. Früher häufig, heute nur noch in sehr seltenen Fällen geschah es ihm, dass der letzte Begriff einer Arbeit sich als Zahlenkombination aufs Schönste mit seiner Intuition verband, das zugehörige Wort jedoch völlig unbrauchbar, will sagen inhaltlich untauglich war, und nicht nur das, in seiner lautlichen Gestalt einem feinhörigen Menschen wie ihm schlicht unerträglich. Ursuppe. Er öffnete ein Auge und schielte in die Ecke des weitläufigen Gartens. Tatsächlich, er hatte sich nicht verhört. Unter den aufspringenden Fliederblüten hatte ein pelziger Gräber einen Erdhaufen aufgeworfen. Anstelle des kurzen Knacklauts, mit dem die Düse das Wasser in die blaue Mailuft warf, hörte Mörike jetzt ein leises Klingen, eine mechanisch klirrende Melodie wie man sie von Spieluhren aus den Kinderzimmern wohlhabender Leute kennt. Das helle Bimmeln einer unbekannten Weise, die jeden einzelnen Ton im Fundus der Musikgeschichte erst zu suchen schien,bevor sie ihn zögernd erklingen ließ, so dass Mörike, wenn er die Augen schloss, das leise Schaben des Mechanismus, das klickende ineinandergreifen der Zahnräder im Inneren des Spielwerks vernehmen konnte, bevor der nächste Ton erklang. Dazu das dumpfe Scharren der Grabekrallen unter seinen Sohlen. Mörike stand barfuß und lauschte. Ein Nebel feinster Wassertröpfchen fiel über ihn, ein splitterndes glitzerndes silberhelles Schleiern, das ihn wie ein kaum sichtbares, flüchtiges und in seiner Biegsamkeit zärtlich raschelndes Blatt Papier umhüllte und hielt. Helle, weißliche Blasen sprangen über den Mann hin, spritzten im Frühlingslicht durcheinander, verbanden sich zu Tropfen, jeder mit jedem, wie Spülschaum, plitschten und platzten, und nicht nur durch den sprühenden Wassernebel drang jetzt Eiseskälte in ihn wie die Blicke der Jäger, die in den formgeschnittenen Hecken lauerten, den Notizblock in der einen Hand, das scharf gestellte Doppelglas vor Augen, so dass sie selbst jedes Nasenhaar Mörikes einzeln erkennen konnten. Rose weiß es, dachte er, und wickelte sich fester ins Papier, um nicht abzugleiten auf der rutschigen Schräge der Abwertungen, die seine Arbeit ihm jetzt immer öfter und für längere Zeit verursachte, wenn er pausierte wie jetzt, besonders wenn er pausierte und Rauchschwaden in die Luft blies wie ein falsch gefütterter Motor, dicke Qualmwolken, hervorgerufen durch das Gegenwärtigkeit simulierende Präsens, während unter dir einer den Boden durchhöhlt, Knollenkammern und Gänge gräbt, versuchst du an der Oberfläche einen Wüstenhorizont zum Zittern zu bringen oder eine Maus zu gebären oder ein anderes klischiertes Bild. Rose weiß es, dachte er, und keiner, am allerwenigsten ich, konnte sie begleiten in die rote schreiende Nacht, das chaotische Erschaffen der Welt in einem glibbschigen Menschlein, wie es rutschte aus der Ursuppe, da war sie wieder, der Vereinigungen – platsch – auf die Landkarte seines mickrigen Seins, da helfen auch die Zahlen nichts, kein System erfasst das, kein Diagramm bildet das ab, das ist der Hunger auf das blanke Existieren, Lebenwollen ohne sich eines Endes gewahr zu sein.
Der Augenblick des Chaos kennt sein Ende nicht. Größtmögliche Öffnung des Körpers und der Seele, das nimmt Fahrt auf, dachte Mörike, trat gefestigt aus dem Wasservorhang, riss das mittlerweile mit seinen Kleidern, seinen Haaren, seinem Gesicht verklebte Papier weg, stülpte sich die Lederschuhe über die wasserweichen Füsse, zwang sich in einen leichten Trab bergauf, glaubte im Klicken hinter sich das Entsichern der Waffen zu erkennen, rannte in Erwartung eines hellen Knalls nach Hause an den mit Papieren überwachsenen Schreibtisch, griff, selbige beiseite wischend, ein neues Blatt mit der Linken, die Feder mit der Rechten und schrieb. Mörike ging langsam die Straße hinab. Er dachte: ich gehe. Er dachte nicht: ich ging. Imperfekt, dachte er, bedeutet bereits eine Erzählbehauptung, zu der ich mich nicht befähigt fühle.

Lesungen

Mi, 24. Okt 2018

18:30 Uhr
Podiumsdiskussion

70 JAHRE SPD ELLWANGEN
Moderation der Podiumsdiskussion mit
Thomas Geisel, OB Düsseldorf
Ariane Bergerhoff, Stv. Vorsitzende SPD Ellwangen
André Zwick, Vorsitzender SPD Ellwangen und Kreisverband Ostalb
Herbert Hieber, Fraktionsvorsitzender SPD Gemeinderat Ellwangen

Einladung 70 Jahre SPD Ellwangen

Sa, 22. Sep 2018

11:00 Uhr
Fest für Demokratie und Menschenrechte

HEIMAT HEISST UBUNTU ZUM BEISPIEL
Ellwangen, Fuchseck ab 11 Uhr

Do, 30. Aug 2018

18:00 Uhr
Schreibwerkstatt

MACH EINE GESCHICHTE
Schreibwerkstatt mit Beate Rothmaier
im Rahmen von SOMMER IN DER STADT
Volkshochschule Ellwangen, 30.8. und 6.9.2018, 18 bis 21 Uhr

Schreibwerkstatt Ellwangen Programmheft