Beate Rothmaier Autorin

Battaglia

in: Poesie und Stille. Göttingen: Wallstein Verlag, 2009. ISBN 978-3-8353-0460-4

Fassade. Von außen kommen, von fernher kommen, den Weg nicht wissen, Sucherin sein. Nähertreten, den Blick heben, Fassaden strotzen eselfarben wie Steppensand, Deisterstein, der sich bei Hitze rötet, wie Thaler jetzt erklärt, dabei die Hände schweben, die weißlichen Finger tanzen lässt im grauen Sommertag, aus dem es sprühregnet auf die vier Gestalten herab. Ein Wind kommt auf, er greift dem Ahorn mächtig ins Gebälk und rennt an gegen diese Wand aus glatt gehauenen Quadern, so Stein auf Stein gefügt, so fein gefügt, so ohne Risse, unverletzt; jetzt tritt er vor, der tourist guide, streicht sich den Schurrbart glatt, tentakelt mit den Fingerchen im Ungefähren dieses achtzehnten Jahrhunderts und verknotet sie, das Hosenbein hebend mit den Schnürsenkeln der kaffeebraunen Lederschuhe, da habe ich mich schon verliebt und spähe vestohlen nach den andern beiden, einem hagern Herrn mit Humpelfuß und einer Stiftsfrau, schwarze Spitze um das Hutzelbirnengesicht. Der Ahorn schüttelt sich. Wir treten in Geschichte ein.

Moose. Moose sammelte die Freundin. 40erlei kratzte sie aus dem Schnee, trug sie in ihr kaltes Schlafgemach, stellte sie in Eisschälchen ums Bett, das schrieb sie mir, der Geliebten; ich aber wollte sie nicht haben, nicht bei mir haben, da in meinem Stift. Ich stand allein am Fenster, russte mit verkohlten Korken mir die Augenbrauen schwarz, schlug die Atlanten auf, bestieg das Wüstenschiff und reiste um die Welt. Die Freundin aber saß, den Winter lang auf einem Turm, mit heimlich gelöstem Haar, das ließ sie flattern im Wind. Mein Bett im kalten Land umblühen Haine schrieb sie; und ich antwortete sofort: hier blühen Moose an den Wänden und modernd duftet Feuchtes in den Mauern dieses Stifts. Vier Fremde stehn im Dunklen, Kühlen, nur Thalers Finger glimmen als er in die Klosterstille spricht, Geheimgang, Kreuzgang, Innenhof uns zeigt und nun mit lässiger Gebärde den Stockrosen gebietet, die gelben Köpfe aufzutun, die Blütenblätter zu spreizen wie Olympiaturnerinnen die bestrumpften Beine; auf der erstarrten Hand trug sie den Hain ins kalte Eisbeetland, setzte die buschigen Büschel in Erdschalen und diese rund ums Bett; Moos ruf ich dem Fremdenführer zu, und dieser, nicht bereitwillig, doch pflichtbewusst, greift danach, weiß achtzehnhundert unter ihnen, weiß alle Laub- und Lebermoose, verliert sich in deren komplizierten Fortpflanzungsgepflogenheiten, bis Herr Hager neben mir den Gummipfropf des Gehstocks auf den Boden klopfen lässt und Dame Hutzel sich die Enden ihres Spitzenschleiers auf den Rücken schüttelt, Zöpfen gleich.

Gärten. Auf, auf hinaus, der Garten ruft!, fängt Thaler eine Feuerwanze aus der Luft und eilt hinaus ins Helle und setzt sie auf die Sonnenuhr, wo sie die Zeit abläuft entgegen jedem Zeigersinn; der Sommer bricht sich in den Tropfen, wir fallen in die Beeren ein, wir brechen durch die Stauden, wir schlagen uns mit Ranken. Herr Hager Stock voran, wir Frauen hinterher, geduckt, dann hüpfen wir und springen nach den süßesten der Him und Brom und Stachelbeeren, und kriechen über Lehm und Dreck, nach Erdbeern, Fallobst, Bodentierchen. Die Bäume, die wir alle grüßen, schütteln Früchte ab und regnen uns ins offene Gesicht, wir halten es den Linden und Kastanien hin, und zwischendurch und mittenhinein fällt grau der Sommerhimmel. Er wusste nicht, wo ich ihn trage, den Dolch für alle Fälle; der Geliebte wusste ja nicht einmal, dass ich ihn habe, die Freundin hatte ihn entdeckt, sie hat mit mir gebalgt, ihn mir entrissen und den Sessel aufgestochen, dass das Rosshaar quoll und staubte, und warf ihn schließlich, stumpf geworden durch das Zimmer unter den Sopha, wo ich ihn abends fand und unter meine Röcke schob. Der Liebste, wie gesagt, hat nichts davon gewusst, und auch nicht, dass es Weidenbäume braucht und eine Halbinsel im Rhein, dem König aller Flüsse; in dieser windverbrausten Flachlandschaft jedoch, spricht Thaler, finden sich nur Wald und eine Quelle, des Weiteren ein Kohlenschacht. Gemessen schreitet er den Rundweg ab. Betet er, grübelt er, verliert er sich in seinem Kopf? Herr Hager, Dame Stift und meine Wenigkeit folgen folgsam, hoffen zu erfahren, wie weit der Weg ins Schlachtfeld ist, wir wollen uns noch nicht erstechen, sondern kämpfen, frei sein, uns riskieren; die Sommerblumen alle kichern und werfen sich die Blütenhände vors Gesicht.

Schächte. Zurück in Dunkelheit und Feuchte, hinab in die steinerne Schwärze verborgener Gänge und Schächte, Fluchtwege aus dem Kriegsgetümmel marodierender Landser, sie suchen uns heim, ein ums andere Mal; wir raffen Röcke, Schleier, Moosschälchen und überantworten uns der Geschichte, sie macht unser Elend zu dem, was es ist, ein Krieg halt, wie schon so viele. Nicht endend frisst er die Väter, die Söhne, die Enkel, reißt Städte, Kirchen, Klöster nieder, reißt die noch ungestalte Zivilisation in Stücke, nach ihm wird nichts mehr sein, wie es war, und die Geschichte geteilt in ein Davor und ein Danach. Dreißig Jahre lang fällt Stein um Stein, fällt Mann um Frau um Kind, verheert das Land und alles Leben, und reißt die Lücke, die der Geschichtsschreiber nicht überwinden wird; brennende Papiere fliegen im Wind, im Acker bleichen die Schädel. Flüchtend stolpern wir durch den Schacht, waten durch Kot und Schutt und Dreck, und sinken im Keller des Amtmanns gerettet in die Knie und klauben mit fahrigen Fingern die Spinnweben uns aus dem Haar und warten, bis der Bombenalarm verklingt. Drill, Gehorsam, Technik, Fleiß erledigen nun in knappen dreizehn Jahren, was einst dreißig Jahre brauchte. Teilen in ein Davor und ein Danach.
(…)

Lesungen

Sa, 10. Mär 2018

10:00 Uhr
Lesung aus dem neuen Erzählband

Zum “Tag der Frau”
Veranstaltet von Soroptimist Club Ellwangen/Jagst
Frauengeschichte aus dem neuen Erzählband
BuchBar, Marienstraße, Ellwangen

Do, 1. Mär 2018

18:00 Uhr
Schreibwerkstatt: Einen historischen Roman schreiben

Einen historischen Stoff für das eigene Schreiben nutzbar machen
EB Zürich
Preis: CHF 390
Beginn: 1. März 2018
Zur Anmeldung und weiteren Informationen

Di, 27. Feb 2018

18:00 Uhr
Romanwerkstatt – Einstieg und Grundlagen

Elemente des Erzählens: Zeit, Handlung, Perspektive, Figuren und vieles mehr
EB Zürich
Preis: CHF 600
Beginn: 27. Februar 2018
Anmeldung und ausführliche Informationen