Beate Rothmaier Autorin

Die unbewussten Alltäglichkeiten und der besondere Augenblick

in: Christine Hunold: Kompost Tagebuch, Berlin, 2018.

Es ist der Morgen nach einer dieser Nächte. Freunde waren gekommen, und während draußen der Schnee fiel, wurde ein Essen gekocht, Wein getrunken, viel geraucht, und auf einmal, keiner weiß warum oder wann genau es geschah, war nach ein paar Stunden des Zusammenseins die Öffnung der Seelen möglich. Einer fasste sich ein Herz und sprach von sich. Nicht von den Leistungen, den Erfolgen, den Gewinnen. Sondern von Zweifeln, Ring- kämpfen und den Hinterlassenschaften früherer Entscheidungen. Plötzlich, und nicht nur, weil es für einen Augenblick still geworden war, stellte sich, ohne die Unterschiede zu verwischen oder aufheben zu wollen, etwas ein: Einmütigkeit. Ein gemeinsamer Mut, es nochmal aufzu- nehmen mit dem Leben, ein Schwingen auf gleicher Seelenfrequenz.
Ich schreibe, um die Dinge dem Vergessen zu entreißen. Der Satz von Simone de Beauvoir erzählt davon, was es heißt, im Immergleichen das Besondere zu entdecken. Es festzuhalten, es herauszuschälen, es vom Überflüssigen zu entkleiden, es genießbar zu machen. Doch was hat es mit dem Überflüssigen auf sich, mit dem, was übrig bleibt, das keiner Notiz oder Erinnerung wert scheint? Wohin mit den Resten eines feinen Essens, einer mehr oder weniger aufwendigen Kocherei, gemeinsam, in Erwartung der Gäste, in der Hoffnung auf einen besonderen Abend, der sich dennoch so selten ergibt? Was soll mit dem Abfall geschehen, nun, da er nicht mehr gebraucht wird? Es sind die alltäglichen Verrichtungen, in denen ständig etwas geschieht. Diese zahllosen kleinen Handlungen bilden das Hintergrundrauschen zu den besonderen Augenblicken, in denen etwas lebendig wird und springt, wie Funken, Wassertropfen oder ein kleines Hüpftier, so dass sie sich herausstemmen aus dem Alltäglichen und wir sie nicht mehr vergessen werden.
All diese Bemühungen unseres täglichen Treibens, sie geraten in Vergessenheit, bleiben unter der Bewusstseinsschwelle, und keiner wird am Ende sagen, ich habe in meinem
Leben 19mal Domino gespielt, 10 868 Geschenke erhalten oder im Jahr 1943, dem Geburtsjahr meines Sohnes Leslaw, 148 Bücher gelesen, wie es die polnische Hausfrau Janina Turek in ihrem erstaunlichen Tagebuch über 57 Jahre hinweg protokolliert hat. Ohne Gedanken oder Gefühle zu äußern notierte sie, wem sie „Guten Tag“ gesagt hat, wie oft sie ins Kino gegangen ist, was sie zum Frühstück und zu den anderen Mahlzeiten gegessen und wie viele Personen sie im Vorbeigehen gesehen hat (84 523).
Die Philosophin Jolanta Brach-Czaina hat die metaphysische Dimension der Alltäglichkeit beschrieben, wonach die Grundlage unserer Existenz die unbewusste Betriebsamkeit ist. Diese nicht wahrzunehmen, sie zu negieren, heißt, uns selbst zu negieren. Unsere Existenz, und zwar in ihrer Gesamtheit, mit diesen besonderen, sich so selten einstellenden, oben beschriebenen Augenblicken, die immer erst aus der langen Reihe endloser, scheinbar immergleicher Handlungen heraus ihre Besonderheit entfalten können: „Man kann sich nicht mit der Rolle des unbewussten Handlangers existenzieller Tätigkeiten abfinden. Auch aus Selbstschutz muss man dem Sinn des Alltäglichen nachjagen wie einem Verbrecher“, sagt die Philosophin.
Was soll mit den Aufzeichnungen der Janina Turek geschehen? Was soll geschehen mit den Überbleibseln unserer eigentlichen Vorhaben, die als Spargelschalen, fein wie Engelshaar, als schwarzrot gefleckte Kirschsteine, als Wursthäute, Fischgerippe, ausgepresste Zitronen- hälften, Erdbeerstrünke, Korken, Kaffeesatz, ausgewischte Eierschalen und ausgekratzte Vanilleschoten in einer weißen Emailschale mit dunklem Rand landen und in ihr, Tag für Tag, in den Garten getragen und auf den Kompost geworfen werden?
Klar sie werden eines Tages dafür sorgen, dass Neues gedüngt und genährt wird, dass es wächst und gedeihen kann. Doch in der Zwischenzeit? Der Blick in unseren Müll geht ans Eingemachte. Kompost kommt von Kompott. Beiden liegt das compositum, das Zu- sammengesetzte zugrunde und lange Zeit war der Kompost einfach eingelegtes Kraut,
eingemachtes Gemüse und Obst, wie Quitten, Schlehen, Birnen, Weinbeeren und er hatte von Komps bis Gumpisch viele Namen. Nicht nur Obst und Gemüse, auch Erde, Stroh, Gras, Laub und dergleichen, lassen sich lagenweise einmachen und werden so zum Compostdünger.
Christine Hunolds „Kompost Tagebuch“ verrührt in raschem Wirbel die Lebensmittelreste zu einem irisierenden Kompott der Farbringe. Durch den Perspektivwechsel in dieser neuen Arbeit von der Untersicht der „Horizonte“Serie zur Draufsicht auf das Weggeworfene, das Ab jekt, das Abgefallene, den Abfall, unterwirft sie die täglichen Überreste ihrem künstlerischen Interesse und stellt die Frage nach dem, was wir wegwerfen und dem, was daraus noch zu machen wäre.
Im Karussell der Zentrifugalkräfte verwischt die Künstlerin die Essensreste zu einem Kom- post, einem compositum, ganz eigener Art. Zweidimensionale, flache Strudel, zart und weit weniger raumgreifend als die vereinzelten Lebensmittel in der danebenliegenden Fotografie. In der Verschleierung durch die Kreisbewegung nimmt die Künstlerin den Kompostierungs- prozess vorweg und schafft es auch, das aus ihm neu Erstehende bildhaft zu machen.
Pfirsichsteine, Kürbisschalen, abgezupfte Petersilienstengel, Körner, Blätter, Blüten. Viele der Kompostabfälle sind noch erkennbar als das, was sie einmal waren, als die schlechteren Hälften dessen, was im Topf und auf dem Teller landet. Doch manches ist bereits im Zustand des Zerschnepseltseins nicht mehr identifizierbar, nicht mehr zuordenbar. Das ist unheimlich, aber der erste Schritt hin zur Abstraktion, die schließlich alles Lebendige in zer- fließenden Farbkreisen auflöst. Strudelnd überlassen wir uns dem psychedelischen Sog des Kreisens, schnell und schneller, den Blick auf das Zentrum geheftet, das sehr hell oder ganz dunkel, uns dahin lockt, wo wir herkommen und wieder enden werden.
Januar 2018

Lesungen

Mi, 24. Okt 2018

18:30 Uhr
Podiumsdiskussion

70 JAHRE SPD ELLWANGEN
Moderation der Podiumsdiskussion mit
Thomas Geisel, OB Düsseldorf
Ariane Bergerhoff, Stv. Vorsitzende SPD Ellwangen
André Zwick, Vorsitzender SPD Ellwangen und Kreisverband Ostalb
Herbert Hieber, Fraktionsvorsitzender SPD Gemeinderat Ellwangen

Einladung 70 Jahre SPD Ellwangen

Sa, 22. Sep 2018

11:00 Uhr
Fest für Demokratie und Menschenrechte

HEIMAT HEISST UBUNTU ZUM BEISPIEL
Ellwangen, Fuchseck ab 11 Uhr

Do, 30. Aug 2018

18:00 Uhr
Schreibwerkstatt

MACH EINE GESCHICHTE
Schreibwerkstatt mit Beate Rothmaier
im Rahmen von SOMMER IN DER STADT
Volkshochschule Ellwangen, 30.8. und 6.9.2018, 18 bis 21 Uhr

Schreibwerkstatt Ellwangen Programmheft