Beate Rothmaier Autorin

Ein Wochenende in: Portbou

in: du, Zeitschrift für Kultur, 11/2006

Sturmwind seit Tagen. Unvermittelt aufbrisend, fegt er über die Côte Vermeille, schüttelt die Kronen der Bäume, wendet die Blätter in Wellen, dass sie ihre helle ungeschütze Unterseite zeigen. In Schlangenwindungen fährt die N114 die Buchten der Steilküste nach, schiebt ihre glänzende Wirbelsäule aus motorisiertem Blech durch Collioure und Banyuls-sur-Mer, Kleinodien der mediterranen Sommerfrische, kriecht die Steilküste entlang, überklettert die letzten Ausläufer der Pyrenäen und führt über die Schwelle. Gespenstisch velassen, zwecklos im vereinten Europa, schwebt über dem Meeresblau die Grenzstation. Tief unter ihr liegt Portbou. Kleine, staubige, spanische Schwester der überfüllten Bellesdames auf der französischen Seite. Hafenstadt, Grenzort, Fluchtpunkt. Auch für Walter Benjamin, der, nach einer kräftezehrenden Pyrenäenüberquerung auf einem Schmugglerpfad, sich hier einquartierte und, nachdem er hatte erfahren müssen, dass sein Durchreisevisum nicht gültig war, er folglich am nächsten Morgen hätte zurückgebracht werden sollen, sich mit Morphiumtabletten das Leben nahm. Oder an einer Hirnblutung starb, wie das ärztliche Gutachten glauben macht. Oder von spanischen Faschisten im Auftrag der Gestapo ermordet wurde. Die Spekulationen nehmen kein Ende.

Portbou ist windig. Durchgangsstation am Mittelmeer. Hinter der Stadt, am Fuß der Berge, liegt ein Fächer. Einem Flussdelta gleich verzweigen sich die Adern der Schienenstränge zu einer überdimensionalen Bahnanlage, dehnen sich aus auf einer Grundfläche von gleicher Größe, wie sie die ganze Stadt mit ihren dreißig Gassen und knapp 1500 Einwohnern beansprucht. Hier wurden die Züge des internationalen Bahnverkehrs umgespurt auf die breiteren spanischen Geleise. Reisende mussten verweilen, schlenderten durch den Ort. Fischerboote, ein Yachthafen, ein schmaler Strand, auf dem sich wenige Badegäste räkeln. Restaurants säumen die Uferpromenade, sie sind fast leer. In Stößen fährt der Wind über die Tische, zerrt an Kleidern, Haaren, Nerven, und die Gäste greifen, ohne das Gespräch zu unterbrechen, nach den Sonnenschirmen, um sie für die Dauer der Attacke festzuhalten, während in kleinen Plastiktellern die mit einem Clip befestigten Rechnungszettelchen flattern. Gambas alla Plancha, dazu einen Ricard. Oder den festen Weißwein von den steinigen Berghängen Kataloniens. Spätsommernachmittag am Mittelmeer. Der schweifende Blick verfängt sich in den verrammelten Fenstern eines verfallenden Hauses. Es war, davon zeugt die verwaschene Schrift über dem Eingang, ein Zollbüro und davor ein unter dem Namen „Industriefinanzgesellschaft“ getarntes Büro der Gestapo. Schräg gegenüber, auf der Rambla de Catalunya, damals wie heute, die Guardia Civil. Sonnenflecken unter ausladenden Platanendächern. Touristen, spärlich bekleidet und in Badeschlappen, sitzen auf Marmorbänken oder streben ihren Autos zu, die am Ende der Rambla in einem still gelegten Tunnel unter den Gleisanlagen parken. Er diente als Schutzraum während des spanischen Bürgerkriegs, dessen letzte große Schlacht Portbou fast völlig zerstörte. Tausende waren bereits vor den Faschisten nach Frankreich geflohen, ehe der Flüchtlingsstrom sich umkehrte und der verwüstete Ort zur Passage für die Exilanten aus dem besetzten Frankreich wurde. Oder auf der Reise zurück. Oder auf der Reise in den Tod. In einem nicht mehr auffindbaren Gemeinschaftsgrab des katholischen Friedhofs liegt der filòsof alemany Benjamin, nun als einer dieser Namenlosen, an die Dani Karavans begehbare Skulptur gemahnt. Hoch über den Klippen führt ein rostiger Eisenschacht Stufe um Stufe aufs Meer hinab, bis eine Glaswand den Besucher am Sturz in die schäumenden Wellen hindert, ihm den Weg versperrt, das auch. „Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion gewidmet.“

Stille Plätze, sobald man sich ein wenig in den Ort hinein begibt. Der Wind verliert sich in den Gassen. Menu del Día auf der Terrasse des Restaurants Casa Alejandro: helle katalanische Gemüsesuppe, Huhn, Hauswein, rot und eisgekühlt. Die Ladenbesitzerinnen vor ihren Geschäften plaudern und posieren, während zwei junge Männer mit Dreadlocks ihre Rucksäcke auf die Terrasse stellen und Ansichtskarten schreiben. Später werden sie am Strand schlafen, Nachzügler einer ganzen Bewegung von Aussteigern, die in den 70er- und 80er-Jahren auf der Durchreise hier hängengeblieben sind. Die Gasse fällt steil ab. Die ganze Stadt klammert sich mit Treppen, Durchgängen, Tunneln und Steilen an den letzten Zipfeln der Pyrenäen fest. Und die ganze Stadt ist eine Bühne. Für die Ladenbesitzerinnen, für die Rastas, besonders für die Horde kleiner Jungen, die johlend auf ihren Rollbrettern die Gasse hinunterrattert, dann das Publikum mit einem Gang auf Händen und einem frechen Lachen belohnt. Nebenan wachsen dem Hostal Francia, Benjamins letztem Aufenthaltsort, die Kakteen aus der Dachrinne. Der Eingang ist mit einer Kette gesichert, an den blinden Fenstern klebt eine Telefonnummer für Kaufinteressenten. Geschlossene Fensterläden, verwitterte Fassaden. Ausverkauf.

Ein Gang durch Portbou ist ein Gang durch die europäische Geschichte. Hier ist alles zu sehen, vor allem die träge Unerbittlichkeit mit der Geschichte abseits der Machtzentren vollstreckt wird. In Portbou ist nichts los. Portbou ist eine etwas unheimliche Kleinstadt in atemberaubender Landschaft und es ist auch ein aufregender Ort am Rand des Landes, der Geschichte und der Aufmerksamkeit.

Information: Office de Turisme de Portbou, T. +34 (972) 125 161, turisme.portbou@ddgi.es, www.portbou.org.
Das Zitat stammt aus: Walter Benjamin, Gesammelte Schriften I, 1241.

Foto © Beate Rothmaier

Lesungen

Mi, 24. Okt 2018

18:30 Uhr
Podiumsdiskussion

70 JAHRE SPD ELLWANGEN
Moderation der Podiumsdiskussion mit
Thomas Geisel, OB Düsseldorf
Ariane Bergerhoff, Stv. Vorsitzende SPD Ellwangen
André Zwick, Vorsitzender SPD Ellwangen und Kreisverband Ostalb
Herbert Hieber, Fraktionsvorsitzender SPD Gemeinderat Ellwangen

Einladung 70 Jahre SPD Ellwangen

Sa, 22. Sep 2018

11:00 Uhr
Fest für Demokratie und Menschenrechte

HEIMAT HEISST UBUNTU ZUM BEISPIEL
Ellwangen, Fuchseck ab 11 Uhr

Do, 30. Aug 2018

18:00 Uhr
Schreibwerkstatt

MACH EINE GESCHICHTE
Schreibwerkstatt mit Beate Rothmaier
im Rahmen von SOMMER IN DER STADT
Volkshochschule Ellwangen, 30.8. und 6.9.2018, 18 bis 21 Uhr

Schreibwerkstatt Ellwangen Programmheft