Beate Rothmaier Autorin

Rapunzel

Text zu Anselm Kiefer «Rapunzel», in: du, Zeitschrift für Kultur, 1/2006

Klappern weckt mich Metall gegen Metall Bretter fallen auf den Boden Männerstimmen jetzt bauen sie das Gerüst auf wieder schlägt Eisen und klingt sie werden den Turm flicken den Dachstuhl aufrichten und zumachen und mich einschliessen hier sitze ich gefangen in meiner harten Schale noch sehe ich den Himmel über mir wo ist der Schlüssel hin geraten ein Mann wird bald kommen ich bin für ihn da wir haben es schön sagt er und ich die ich bei ihm sitze denke das bin nicht ich die da sitzt ein Lied singt darauf wartet dass er wieder geht ganz vergnügt ist so allein wenn nur diese Lust auf Fleisch nicht wäre Fleischliches mir einverleiben lenke deine Gier sagt die Alte meine Mutter richte deine Lust auf Salatobstwurzelngemüse und du spürst deinen Körper dass kein Gramm es wagt an dich hinzuwachsen auf dass er dich liebt und du dich ebenfalls und satt sein wirst auch ohne Schinkenschnitzelgulasch-siedfleischkesselfleischblutwurstherzundnieren mal ehrlich das sollte sie nicht sagen das macht mich böse je mehr Ackersalat die unterirdische Kälte treibt je mehr Glockenblumenwurzelgemüse die Alte mir vorsetzt umso lüsterner werde ich auf ein Heissesstückspeck ah fett will ich sein und der Mann der Turmbesitzer wird sich den blauen Bart streichen und Strafe muss sein da ist es ja unter meinen Röcken hängt am Seidenband das Schlüsselchen klein das nehme ich jetzt gehe die Kammer öffnen langsam langsam den Gang entlang wo ist das Licht wie kalt es ist November schon und Stille überall nur meine Schuhe klackern die Wendeltreppe hinauf weiter und weiter bis ich die kleine Tür die letzte Tür finde was drückt sie sich so leise gegen die Wand Schlüsselchen blinkt golden meine Zähne klappern das kleine Ding ins Schloss stecken mir schwirrt der Kopf Metall rutscht aus den Fingerspitzen fällt klingelnd zu Boden schnell sehe ich mich um lässt die Alte sich blicken ist sie meine Mutter die mich versorgtüberwachtfesthält mit ihrer Sorge mich schnürt dass mir der Atem stockt Düsternis wie Mehltau auf mir die Fischbeine pressen mir die Rippen zusammen drücken mir die Luft ab ich ringe ich seufze ich atme langsam atme tief hilft nichts keine Hand kann ich mehr heben lang und hohl öffnet sich der Gewandschlund über mir blinken Sterne in seinem Rachen hier ist der Schlüssel ich klemme ihn zwischen die Finger warum bewegen sie sich nicht schneller plagt mich das Zipperlein wie die Alte immer länger braucht sie um sich an mir hochzuhangeln um in mich einzusteigen Frau Gothel mir so vertraut als wäre sie ich und ich weiss dass sie ich ist und ich eines Tages sie sein werde mit Hörnern auf dem Kopf das weiss ich und Mama mir ist kalt ich fürchte mich singe ein Lied klingt hohl und hallt dat du min leevsten büst dat du wohl weest käme er doch käme er doch in der Nacht kletterte behende und brächte mir die Stricke die langen die starken sähe mir in die Augen Käpten mein Pirat bring mir was mich retten wird doch kommt er nicht und so werde ich beginnen wer ruft die Alte schnell das Schlüsselchen versteckt treppab getrappelt Fenster auf Haare schlingen Fensterhaken atsch ihr Einlass gewähren die Alte drängt sich in mich verleibt mir ihre Falten und zerfallenden Körperteile ein klammert sich an mich presst mich würgt mich was trägt sie unter ihrem Gewand ein Bratenkruste ein Stück Salami einen Knochen wenigstens nein Knollen Wurzelwerk Rapunzelsalat knirscht zwischen den Zähnen reibt mir die Schleimhäute auf die weiche nasse Mundhaut rot ich esse langsam spreche nicht stärke mich ein wenig dieser kleine Silberbart wird mir die Freiheit schenken ich treibe den Schlüssel in das Gewand eine Nahtöffnung ein Knopfloch ein kleiner Riss im Stoff findet sich da hinein bohre ich die Metallspitze ratsche ich den Rock in Bahnen öffne den Kerker lasse mir Luft an die Brust ah das erfrischt wild reissen die glitzernden Schlüsselsägezähne einen langen Schlitz in den Stoff noch einen und noch einen bis die Fetzen flattern bis durch schnelle Kreisdrehungen aus der Hüfte die Stoffstreifen in sanften Wellenbewegungen um meinen Leib schwingen schaudernde Haut atmendes Fleisch alle Hülle löst sich in fliegende Frühlingsbänder auf ich reisse sie von mir stehe nackt im späten Licht fröstle ein wenig jauchze laut Jubel echot sich ins Freie verhallt schnellschnell die Streifen drehen knüpfen ineinander winden zwei lange Stricke sollen die Holme sein ich habe sie meinen Haaren angemessen zwanzig Ellen hundert Meter und mehr so hoch sitze ich hier oben in meinem Horst meinem eiskalten Vogelnest habe das Fliegen nie gelernt bin ja als Kind hierher verschleppt worden rah krächzen die Krähen in den blattlosen Hecken unterhalb der Burg zeig uns deinen Vogelmut spring ich wollte es tun doch habe ich den schwarzen Gesellen nicht getraut was wissen denn diese stinkenden Vögel vom Glück siehst du jetzt aber muss ich atmen nochmal tief und wartewarte mit geschlossenen Augen beginne ich die Sprossen einzuflechten eine nach der anderen viele Knoten doch geht alles schneller als ich dachte die Sonne schon weg ich werfe die Strickleiter aus lote mit ihr in der sinkenden Nacht schwinge mich über den Rand gehe über Bord nur mein Haar das mich bedeckt verlassen das Prachtgewand Frauenleben mit Aussicht auf ein gehörntes Dasein und eingesperrtes Dämmern hinter einer unscheinbaren Tür wo ich weiss es wohl Frau Gothel sich versteckt und darauf wartet dass ich hartleibig wie meine Verpackung den Fehler mache und die Tür aufschliesse als ihre Nachfolgerin sie erlöse ich aber steige über die Brüstung verlasse den Panzer hangle mich hinab und veschwinde wer hockt da am Fuss des Turms kauert unter dem Gerüst blinder Bettler weise mir den Weg so husche ich davon hinter mir der Wind singt in der hohlen Hülle und Wald verschluckt und Nacht deckt zu was Frau nicht sein kann weil es frei sein will.

Lesungen

Sat, 10. Mar 2018

10:00 Uhr
Lesung aus dem neuen Erzählband

Zum “Tag der Frau”
Veranstaltet von Soroptimist Club Ellwangen/Jagst
Frauengeschichte aus dem neuen Erzählband
BuchBar, Marienstraße, Ellwangen

Thu, 1. Mar 2018

18:00 Uhr
Schreibwerkstatt: Einen historischen Roman schreiben

Einen historischen Stoff für das eigene Schreiben nutzbar machen
EB Zürich
Preis: CHF 390
Beginn: 1. März 2018
Zur Anmeldung und weiteren Informationen

Tue, 27. Feb 2018

18:00 Uhr
Romanwerkstatt – Einstieg und Grundlagen

Elemente des Erzählens: Zeit, Handlung, Perspektive, Figuren und vieles mehr
EB Zürich
Preis: CHF 600
Beginn: 27. Februar 2018
Anmeldung und ausführliche Informationen