Beate Rothmaier Autorin

Heimat heißt Ubuntu zum Beispiel

Ich bin Schriftstellerin und gehe mit Wörtern um. Deutsche Wörter im Allgemeinen. Ich klaube sie zusammen um Dinge zu sagen, die eine bestimmte Erfahrung, eine Einsicht vielleicht sogar eine Erkenntnis ausdrücken. Ich reihe sie aneinander, um Geschichten zu erzählen.
Es gibt aber auch einzelne Wörter, die eine ganze Geschichte erzählen. Heimat zum Beispiel. Sündenbock.
Heimat gehört, wie Warmduscher, Wanderlust, Kabelsalat, Waldeinsamkeit zu den unübersetzbaren deutschen Wörtern. Für sie gibt es in anderen Sprachen keine Entsprechung, man muss einen ganzen Satz formulieren um sagen zu können, was man darunter versteht. Oft nicht nur in der fremden, sondern auch in der eigenen Sprache, denn Heimat ist für jeden etwas anderes:
Heimat ist das Linoleum im Klassenzimmer, das nach Bohnerwachs riecht,
der Duft der faulenden Früchte auf den Streuobstwiesen im Spätsommer,
das krachende Geräusch beim Zerbeißen gebrannter Mandeln aus einer rosa-weiß gestreiften Papiertüte,
der Geruch nach Holzfeuer und Schnee kurz vor Wintereinbruch, das Klingeln einer Ladenglocke.
Das milchige Licht eines Herbstmorgens,
die losen Spinnwebfäden in der Spätsommersonne,
Schnee, der von unten nach oben fliegt,
das Gurren der Türkentauben auf dem Hausdach,
die zärtliche Kühle des Schlamms zwischen den Zehen, bevor man losschwimmt, zur Insel und zurück,
der Tanz der Libellen über der Wasseroberfläche.

Heimat können Wörter sein, Landschaften oder Gerichte, der Geschmack von Pfitzauf mit Vanillesoße. Der Gyrosteller, das erste Spaghetti-Eis, ein Espresso im Stehen.
Der Begriff Heimat kam zuerst in Gestalt der Heimatkunde über mich. In der Grundschule mussten wir den Verlauf der Bundesstraßen durch den Landkreis (der damals noch Kreis Aalen hieß) auswendig lernen. B 19, B 29, B 290. Das war in den autoverliebten 70er Jahren nach dem Lehrplan Heimat.
Ich bin in der Welt unterwegs gewesen und zurückgekehrt. Als ich ankam, war die Welt hierher gekommen. Von der Welt habe ich gelernt: die unübersetzbaren Wörter sind die Heimat der anderen.
Heimat heißt Ubuntu zum Beispiel, Korebi, Jayus, Pisan Zapra, Samar, Naz, Hanyauku, Gurfa, Cotisuelto oder Karelu.
Andere Sprachen haben Wörter für so wichtige Dinge wie
das Sonnenlicht, das durch die Blätter von Bäumen schimmert: Korebi (japanisch)
die Zeit, die man braucht, um eine Banane zu essen: Pisan Zapra (malaiisch),
das Gefühl von Stolz und Sicherheit, das aus dem Wissen entsteht, bedingungslos geliebt zu werden: Naz (Urdu),
der Abdruck, der auf der Haut bleibt, wenn man etwas zu Enges getragen hat: Karelu (aus dem südindischen Tulu),
bis nach Sonnenuntergang aufbleiben und mit Freunden eine gute Zeit verbringen: Samar (arabisch),
einen Witz, der so schlecht ist, dass man gar nicht anders kann, als zu lachen: Jayus (indonesisch).
Mein liebstes unübersetzbares Wort kommt aus dem afrikanischen Nguni Bantu, es heißt Ubuntu und meint das Prinzip: Ich finde meinen Wert in dir, und du findest deinen Wert in mir. Ubuntu ist ein Begriff der südafrikanischen Philosophie und kann verstanden werden als eine Mischung aus Menschlichkeit und Freundlichkeit, oder: ich bin, was ich bin, weil wir alle sind, was wir sind.
Unübersetzbares ist zuerst unverständlich, dann überraschend, dann bringt es uns zum Staunen: warum haben wir keine Wörter wie
Gurfa, ein arabisches Substantiv, das die Menge Wasser bezeichnet, die man in einer Hand halten kann oder
Cotisuelto, aus dem karibischen Spanisch, für einen Mann, der sich weigert, sein Hemd in die Hose zu stecken?
Immer bleibt etwas an der Begegnung mit dem Fremden unverständlich, immer bleibt ein unübersetzbarer Rest: auf ihn kommt es an. Das ist das Paradox. Er ist es, der die Welt reich macht. Und wenn wir uns mit ihm, diesem unübersetzbaren Rest, beschäftigen, merken wir, dass er uns gefehlt hat. Denn er erzählt uns die Geschichte dessen, was wir schon kannten, wofür wir aber kein Wort hatten.
Hanyauku zum Beispiel. Für uns eine Urlaubserfahrung, Alltag in Namibia, denn Hanyauku heißt: Auf Zehenspitzen über heißen Sand laufen.
Oder eben: Ubuntu. Ich finde meinen Wert in dir und du findest deinen Wert in mir.

Lesungen

Mi, 24. Okt 2018

18:30 Uhr
Podiumsdiskussion

70 JAHRE SPD ELLWANGEN
Moderation der Podiumsdiskussion mit
Thomas Geisel, OB Düsseldorf
Ariane Bergerhoff, Stv. Vorsitzende SPD Ellwangen
André Zwick, Vorsitzender SPD Ellwangen und Kreisverband Ostalb
Herbert Hieber, Fraktionsvorsitzender SPD Gemeinderat Ellwangen

Einladung 70 Jahre SPD Ellwangen

Sa, 22. Sep 2018

11:00 Uhr
Fest für Demokratie und Menschenrechte

HEIMAT HEISST UBUNTU ZUM BEISPIEL
Ellwangen, Fuchseck ab 11 Uhr

Do, 30. Aug 2018

18:00 Uhr
Schreibwerkstatt

MACH EINE GESCHICHTE
Schreibwerkstatt mit Beate Rothmaier
im Rahmen von SOMMER IN DER STADT
Volkshochschule Ellwangen, 30.8. und 6.9.2018, 18 bis 21 Uhr

Schreibwerkstatt Ellwangen Programmheft