Beate Rothmaier Autorin

Medea zwei

MEDEA von Euripides und Beate Rothmaier. UA: Landesbühne Hannover, 23.9.2006, Regie: Bettina Rehm

Medea Nun denn, Medeia, schüttle deine Gefieder, entfalte dein Schwingen. Der heiße Strom der Mittagsluft erfasst dich, hebt dich sanft, auf und davon und nie mehr wiedersehn: dies Land, das mich nach kurzer Zeit nur Mutter sein ließ, nur noch Mutter. Weg, die Zauberin und weg, die Königstochter, sie durfte keinen guten Rat mehr wissen.
Ich bin Medeia, ich war viele. Die Kluge, die Vernünftige, die Liebende, sie alle mussten weg. Muttermilch stieg mir ins Hirn. Und die Gebärmutter wurd’ mir zum Kopf. Das soll vorbei sein jetzt, ein Ende finden. Mein Aufbegehren wird sie mit sich reißen, diese zwei. Sie müssen weg, es kann nicht anders gehen. In ihnen töte ich die Liebe und werde frei, so soll es sein. In der Erde will ich mich verkriechen. Mich eingraben, zuschütten, verstecken vor der Welt.
Eine tiefe kühle Grube soll mich bergen als ein finstres Tier. Da will ich kauern, auf ein Ende warten. Im Schmerz verharren, bis er schwindet, geht. Ich werde wild sein, rauh und löwengleich. Dichte Locken wachsen mir, bedecken meine glatte Haut. Und Liebe schwindet, alles ist mir eins.
Die Zeit, sie geht so langsamlangsam schwer.
Erinnerungen überfallen mich. Der Haarflaum meiner Kinder im Gegenlicht der Sonne. Die Rundung ihrer Wangen im Dunkelgrau der Nacht. Schwarze Finger, die sich in meine Röcke krallen. Und Tränenschlierenbahnen über ihr Gesicht. Fleckiges Hemdchen. Zahnlückiges Lachen. Kirschen überm Ohr. Heimliches Trappeln in der Vorratskammer, huschende Füße, verschmierter Mund.
Die Zeit, sie geht so langsamlangsam schwer.
Ich musste zu viel warten, warte noch. Auf eine Nachricht sei sie noch so schlecht, darauf, dass etwas anders wird, und auf das Ende dieser Nacht. Kühl ist es in meiner Kuhle und feucht. Ich starre auf die verlorene Zeit. Am Ende der Dunkelheit blinkt es und lacht.

Ein früher Herbstabend, Luft noch warm vom Sonnentag, doch sank die Sonne schnell und im Wind zipfelte schon die Schneeluft aus den Bergen. Ich war ein Mädchen noch und ging, wie immer mit nackten Füßen durch den Wald der Ebene, kam auf die helle Wiese. Vollkommene Stille. Schräg stand das Licht und in ihm tanzten zu Tausenden die lichtvioletten Lilien, die man auch Winterhauch, Zeitlose, Teufelswurz nennt. Nackte Huren, da sie ohne Blätter aus der Erde drängen. Ein Windhauch zerrt und schüttelt ihre Kelche, zartgeblättert, schachbrettgefleckt. Sie stehen dicht an dicht, sie drängen sich zusammen, und flüstern sich die Geheimnisse des Sommers zu, den sie schlafend unter der Erde verbrachten. Leuchten hell und lächeln rosa: Leichenblumen, ihr! Tanzen eng verschlungen, singen das leise Lied vom Tod. Giftsaft rinnt durch ihre Blättchen. Nach Stunden erst beginnt es: dein Hals wird eng, dann scheißt du Blut und japst nach Luft, und kotztkotztkotzt. Kalter Schweiß, Atemstillstand, Exitus. Volles Bewusstsein bis zum Tod. Eine der Blüten nahm ich auf die Zunge, begann zu singen, rannte los. Und Lust ergriff mich. Meine Füße zuckten. Trampelten und tanzten. Bis Blut aus ihren Sohlen quoll. Alle tanzt’ ich sie zu Tode. Tot. Es ist so weit. Das ist das Ende. Nacht. Dunkel hüllt mich ein. Es presst und schüttelt mich. So eng. So klamm ist mir. Schnürt mich ein. Drückt mir die Luft, das Leben ab. Alles schwarz. Ich sinke in die Nacht. Mutter? Es reißt mich auf, es reißt mich weg. Es kommt, es kommt aus mir, es drängt aus mir, es muss heraus, es muss ans Licht, und von mir weg, zu sich, zu sich und von mir weg. Welcher Schmerz. Welche Lust. Ich bin ganz klar. Ganz ruhig und ganz bei mir. Medeia bin ich jetzt geworden. Meine Wurzellosigkeit ist meine Würde. Medeia bin ich jetzt. Medeia. Fort. Ich gehe. Störfall der Behaglichkeit. Durch die Geschichte treibe ich auf euch zu.

Foto ©Jochen Quast

Lesungen

Sat, 10. Mar 2018

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Lesung aus dem neuen Erzählband

Zum “Tag der Frau”
Veranstaltet von Soroptimist Club Ellwangen/Jagst
Frauengeschichte aus dem neuen Erzählband
BuchBar, Marienstraße, Ellwangen

Thu, 1. Mar 2018

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Schreibwerkstatt: Einen historischen Roman schreiben

Einen historischen Stoff für das eigene Schreiben nutzbar machen
EB Zürich
Preis: CHF 390
Beginn: 1. März 2018
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Tue, 27. Feb 2018

18:00 Uhr
Romanwerkstatt – Einstieg und Grundlagen

Elemente des Erzählens: Zeit, Handlung, Perspektive, Figuren und vieles mehr
EB Zürich
Preis: CHF 600
Beginn: 27. Februar 2018
Anmeldung und ausführliche Informationen