Beate Rothmaier Autorin

Passo Natale

in: die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik 266, 2017.

Sie können dir ein Medikament geben. Entweder sie hängen dich an einen Tropf oder sie stecken dir was unten rein.
Obwohl wir viel wanderten, war uns das Streben in die Höhe nicht wichtig. Lieber gingen wir einen Grat entlang, den Amdener Höhenweg mit Schneeverwehungen bis tief in den Mai, den Schwyzer Panoramaweg in Etappen, durchs Appenzell zum Seealpsee. Das schwingende Auf und Ab, der federnde Gang über weiche Hochebenen entsprach uns mehr als der Gipfelsturm. Unsere Herzen kamen wie die Füße in einen gemeinsamen Tritt, einen Passgang bergauf, bergab.
Besser noch einen Ultraschall machen, sehen, ob’s dem Kind gut geht. Es hätte einer der drei Könige werden sollen, verpasste aber seine Ankunft. Schla- fen nur noch mit Polstern zwischen den Beinen und unter dem Bauch, auf dem Rücken liegen ging gar nicht. Kein König also, es ist bereits Mitte Januar und nun muss es raus.
Sagt die Schwester, die den Ultraschall macht: Hier sehen sie die Haare, die kleine Nase, die Hände, alles da. Sie hört die Schwester nicht, liegt nach kurzem Schwindel in Ohnmacht, Kind und Wasser drücken die Bauchschlagader ab. Ich sehe Wehen, sagte der Arzt. Jede andere hätte sich schon auf den Schragen gelegt und gesagt, sie gebäre jetzt. Da müssen wir was machen, wir sind der Anwalt des Kindli. Und so helfen sie ihm mit Medikamenten auf die Sprünge. Sie aber hat sich das so nicht vorgestellt. Zuhause hat sie gebären wollen, warum ins Spital, sie war ja nicht krank. Selbstgewissheit darüber, was ihr Körper zu leisten imstande war. Dafür war er gemacht.
An die Grenze kommen, klar. Sich das als Arbeit vorstellen, sagte die Heb- amme, nicht als Schmerz. Trotzdem tats weh. Muskelschmerz und nach Stunden die Erschöpfung. Einschlafen in den Wehenpausen, dreißig Sekunden Tief- schlaf. Schlafen, während der Körper weiterarbeitete, wie der des Großvaters, der in den Ersten Krieg marschierte, links ne Pappel, Fuß vor Fuß und unter- dessen schlief. Sie war von diesem Typ Schweizer Bergfrau, klein gewachsen, und noch im Alter drahtig, mit buschigem Haar, großen Augen und Fingern wie Wurzeln. Frauen aus den Hochtälern, zwischen den Viertausendern, die mal kurz am Abend einen Pass bewältigen zu Fuß. Schnell noch über den Gäbris, auf den Säntis, über die Silberen oder ins Welsche. Und wieder zurück. Sie reden wenig, nur wenn sie gefragt werden, und erst, nachdem sie ihr Gegenüber einige Minuten angesehen und ihre Gedanken in kurze Sätze gebracht haben.
Cytotec heißt die Tablette, die sie dir reinstecken, dann musst du warten. Drei Stunden mindestens. Der Wirkstoff hilft bei Magengeschwüren und kata- pultiert im Nebeneffekt Kinder aus Frauenbäuchen. Erst tut sich nichts, doch wenn’s beginnt, kannst du nichts mehr machen. Das ist nicht diese langsam sich steigernde Anstrengung, die Verkürzung der Intervalle, dieses Wehe für Wehe, Tritt für Tritt, wie die Hebamme es ihr beschrieben hatte, während sie mit den Wurzelfingern das Kind durch die Bauchdecke betastete und mit dem Ohr am hölzernen Trichter in die Rundung hineinhorchte.
Stell dir die Geburt als Bergwanderung vor, hatte sie gesagt. Stell dir die Anstrengung einer Gipfelbesteigung vor, den Weg über einen Alpenpass. Das tat sie und arbeitete sich mit dem ersten Kind im Bauch den Berg hinauf. Sitzen oder liegen war nicht möglich, so ging sie eine Nacht lang die 68 Quadratmeter der Wohnung ab, die Hebamme hinter sich, und klammerte sich im Minuten- takt ans Klavier, ans Bücherregal, an den Türrahmen oder den Kindsvater, was grad greifbar war. Atmen, ächzen, weitergehen. Es war ein hoher Berg, sie waren schließlich in der Schweiz. Da, wo die richtigen Alpen stehen. Ein steiniges Fußvorfußsetzten bergauf. Sie dachte nicht an die schöne Aussicht oben, nicht an das liebliche Lalüli-Land, das dahinter liegen sollte, wann immer sie den Blick hob und kein Ende sah, dachte sie, scheiße, alles falsch.
Es ist kein Bergübergang, es ist auch nicht die Produktion eines Kunstwerks wie viele meinen, wenn sie vom Schwangergehen sprechen, denn es ist keine Sache des Willens, sondern der Unterwerfung, der Hingabe. Der Körper machte sich selbstständig und zwang sie weiter, sie wusste nicht wohin, sie wusste nur, dass es irgendwann ein Ende gibt.
Sie hockte im warmen Wasser und schlief den Sekundenschlaf. Die Wurzelfrau saß auf den Fliesen und schnaufte ruhig und tief. Kein Geräusch außer dem leisen Plätschern des Badewassers und den gleichmäßigen Atemzügen der beiden Frauen. Als ob sie miteinander schliefen. Komm raus, sagte die Wurzel wenig später. Kaum in der kalten Luft gings plötzlich nicht mehr weiter. Das nannten sie den Übergang. Tatsächlich ging es weder vorwärts noch zurück, es war ein einziges Festhängen in der Verzweiflung. Sie kauerten und hielten sich an den Händen. Kurz bevor sie oben ankam, brach sie der Hebamme den vierten Finger. Der Knochen splitterte, die Sehne riss. Der Ehering war im Weg gewesen. Der Bruch sollte zu einem Schwanenhals zusammenwachsen, den Finger zu einer sehnenlosen kleine Treppe formen, zwei winzige Stufen bergauf.
Sie können dich an den Tropf hängen, saugen, schneiden, mit der Zange in dich reingreifen oder dir eine Tablette reinstecken. Die katapultiert dich in einen luftleeren Raum, du landest halbtot auf einem Behandlungdbett mit einem seltsamen Kind auf der Brust, das fiepst und aus verklebten Augen noch nichts sieht. Der Boden ist überschwemmt vom seifigen Fruchtwasser, Frauen in Weiß schlittern darin herum, eine putzt, eine näht, eine rennt hin und her.
Stell dir eine Bergbesteigung vor. Muskelarbeit.
Alles falsch, denkt sie.
Die Luft war dünn, man war allein, der Blick ging über das Land der Lebens-
zeit: die Vergangenheit ein verlorenes Gebiet, die Zukunft ein Wolkenwatte- heim. Dazwischen der Grat der Gegenwart mit nur einer Gewissheit: Sie muss da wieder runter irgendwie. Euphorie, ja, ein nie erlebtes High, auch Stolz mit Muskelkater und einer Erschöpfung, dass dir schlecht wird. Alles richtig, dachte sie, und begann den Abstieg.

/perch/resources/65rothmaier.pdf

Lesungen

Mi, 24. Okt 2018

18:30 Uhr
Podiumsdiskussion

70 JAHRE SPD ELLWANGEN
Moderation der Podiumsdiskussion mit
Thomas Geisel, OB Düsseldorf
Ariane Bergerhoff, Stv. Vorsitzende SPD Ellwangen
André Zwick, Vorsitzender SPD Ellwangen und Kreisverband Ostalb
Herbert Hieber, Fraktionsvorsitzender SPD Gemeinderat Ellwangen

Einladung 70 Jahre SPD Ellwangen

Sa, 22. Sep 2018

11:00 Uhr
Fest für Demokratie und Menschenrechte

HEIMAT HEISST UBUNTU ZUM BEISPIEL
Ellwangen, Fuchseck ab 11 Uhr

Do, 30. Aug 2018

18:00 Uhr
Schreibwerkstatt

MACH EINE GESCHICHTE
Schreibwerkstatt mit Beate Rothmaier
im Rahmen von SOMMER IN DER STADT
Volkshochschule Ellwangen, 30.8. und 6.9.2018, 18 bis 21 Uhr

Schreibwerkstatt Ellwangen Programmheft