Beate Rothmaier Autorin

Schneckenaugen

in: Tages-Anzeiger Zürich, Samstag, 13. Juli 2003

Das Wasser gluckste. Sie öffnete und schloss die Beine. Ihre Haut brannte, schwitzte Glasperlen aus. Die Innenseiten der Schenkel, nass. Nachdem er mehrere Male gegen die Ufermauer gekickt war, hat er Schlagseite, der Sarg; ein Arm hing heraus. Sie legte das Buch zur Seite, blinzelte durch die Bretter der Badeanstalt. Schwarzgrün das Wasser, sonnenheiß und muffig nass der Holzgeruch. Der Mann raschelte mit der Zeitung. Er gehörte ihr. Seit vierzehn Jahren schon. Sie beobachtete seine Hände, die das rosa Papier der Zeitung falteten, es weglegten, über den Steg schwankten, eintauchten, das Wasser teilten. Sein Körper, der nur ihm gehört, brauner Fisch, schnellte aus dem Wasser, tauchte unter Gischtwolken wieder ein. Aus der dunstigweißen Horizontlinie wuchsen die Alpen in den überblauen Sommerhimmel. Der Sarg kam wieder in Fahrt. Ohne zu kippen. In sanfter Kurve fand er die Öffnung unter der Bahnhofbrücke und kam auf der andern Seite anstandslos heraus und zwar Kopf voran; er wirkte entschlossen und schien, dort bei den Amtshäusern seine Fahrt zu beschleunigen, als wollte er heute noch das Meer erreichen. Sie zwickte die Augen zusammen. Er hatte die gelben Bojen hinter sich gelassen, schwamm noch immer stadtauswärts den langgestreckten Rücken des Sees hinauf, den weißen Linienschiffen, Segelbooten, Katamaranen, den feuerroten Tretbooten nach. “Schau die Berge.” – “Wie in Colorado.” Leute mit blassgetönten Sonnenbrillen tranken Kaffee mit sehr viel Milch aus hohen Gläsern. Sie kennen alles Wichtige dieser Welt, sie leben dort, wo andere Ferien machen, sie sind schon in der Zukunft, während wir noch die Gegenwart bestaunen, dachte sie und spähte auf den See. Der Mann war verschwunden. Mit dieser Selbstverständlichkeit, mit der er die Welt bewohnt hatte, mit der er sich ihren Körper und ihr Leben angeeignet hatte, schien er es nun verlassen zu haben. Kalter Neid belagerte sie. Sie war sich selbst unerträglich. Die vier Brillen lachten laut. Das Buch rutschte über die Bretterkante. Sein grünes Gesicht versank im Schwarz. Sie streckte den Arm über den Rand und fischte danach. Sollte sie nach ihm tauchen? Doch sie hatte nur noch wenige Seiten zu lesen und kannte den Schluss bereits. Der offene Sarg wollte abschwimmen – ohne Geschichte. Am Wehr wurde er jedoch herausgefischt. Er kam nicht davon. Sie ging an die seeseitige Reling der Badeanstalt und suchte das Wasser ab. Sollte das das Ende sein? Nach vierzehn Jahren war es doch bis jetzt nur die Ahnung vom Leben und der Liebe gewesen. Weniger noch. Der Beginn der Ahnung vom Anfang der Liebe. Sie überlegte, was nun zu tun sei. Mit gefasster Stimme die Rettungswacht alarmieren, mit dem Handy die Seepolizei anrufen, schluchzen, zusammenbrechen? Sie wusste es nicht, stand stattdessen und blickte auf den See, ohne zu suchen jetzt. – Da. Weit draußen crawlte er auf der Höhe des Opernhauses dem Ufer zu, die Kräfte hatten ihn verlassen. Er reckte den Arm in die Luft, schien zu winken. Eine freundliche Geste. Unbeschwert und heiter. Was er nie gewesen war. Sie fühlte, wie etwas in ihr schrumpfte, sich zusammenzog wie die nassen Fühleraugen einer Schnecke. Sie winkte zurück. Er rührte mit beiden Armen in der Luft. Sie lächelte. Als sein Kopf im Flaschengrün versunken war und nicht mehr aufzutauchen schien, hob sie noch einmal die Hand. Dann trat sie durch die bunten Plastikstreifen, raffte Haare und Habseligkeiten zusammen und noch während sie den Reißverschluss ihres Kleides schloss, breiteten sich die feuchten Fühler, die ganze Schnecke in ihr aus, wurden warm und weich und sehr groß, füllten den Schädel, die Brust, die Eingeweide bis in die Beine, Füße, Zehen. Colorado. Sie summte ein wenig während sie die Badeanstalt und die Ahnung vom Anfang des Lebens verließ, sich aufs Rad schwang und in die Pedale trat.

Lesungen

Sa, 10. Mär 2018

10:00 Uhr
Lesung aus dem neuen Erzählband

Zum “Tag der Frau”
Veranstaltet von Soroptimist Club Ellwangen/Jagst
Frauengeschichte aus dem neuen Erzählband
BuchBar, Marienstraße, Ellwangen

Do, 1. Mär 2018

18:00 Uhr
Schreibwerkstatt: Einen historischen Roman schreiben

Einen historischen Stoff für das eigene Schreiben nutzbar machen
EB Zürich
Preis: CHF 390
Beginn: 1. März 2018
Zur Anmeldung und weiteren Informationen

Di, 27. Feb 2018

18:00 Uhr
Romanwerkstatt – Einstieg und Grundlagen

Elemente des Erzählens: Zeit, Handlung, Perspektive, Figuren und vieles mehr
EB Zürich
Preis: CHF 600
Beginn: 27. Februar 2018
Anmeldung und ausführliche Informationen