Beate Rothmaier Autorin

Atmen, Bis die Flut kommt

Roman

PRESSESTIMMEN

„ Ausgangspunkt für den Roman ist die Frage: Wo endet die Gestaltbarkeit des eigenen Lebens? Wie geht ein junger Mensch mit seinem Schicksal um? Rothmaier – sie ist selbst Mutter eines behinderten Kindes – lässt uns aus der Perspektive eines Mannes blicken, der die Abweichung als Normalität akzeptiert hat. Und doch bäumt sich Konrad irgendwann dagegen auf. Sein Ausbruch steht gleich am Anfang des Romans und strukturiert die Erzählung: eine lange Autofahrt mit der 17jährigen Tochter Lio, kunstvoll verschränkt mit verschiedenen zeitlichen Ebenen aus den ersten Jahren ihres gemeinsamen Lebens. (…) Erzählerische Mittel der “graphic novel” werden teilweise verwendet, wenn es um komische und absurden Situationen geht, die in diesem Roman ebenfalls ihren Platz haben. Weit über Comic-Niveau hinaus ragt wohlgemerkt die Sprache in diesem Roman – präzise, sensibel, klug. Beate Rothmaier zeigt, wie schon bei ihren beiden Vorgänger-Romanen: welch’ einfühlsame und begnadete Erzählerin sie ist.“

Deutschlandradio, 2013

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Aber hier zeigt sich, daß Rothmaier ihre Siebensachen beisammen hat: Via Verflechtung von wissenschaftlichem, umgangssprachlichem und poetischem Vokabular bildet sich eine gegenwartsnahe, zugleich wie aus weiter Ferne kommende Antwort auf die Frage, weshalb dieses Los gerade diesen Mann und seine Tochter getroffen hat: Jene legendären, das Schicksal in sich bergenden DNA-Ketten sind nicht, so Konrads Erkenntnis, das Produkt einer großen kreativen, zielsicheren Geste der Biologie. Vielmehr formieren sie sich im wertfreien Spiel mit den Möglichkeiten. Ohne dieses Spiel gäbe es keine Genialität, nicht die Wunder der Evolution. Deren Wunden jedoch sind die »Affenkinder«, die »spontanen Mutationen«: Man sollte auch ihnen ein Denkmal setzen.

Armin Schreiber in: konkret: Politik & Kultur, 12/2013. Zur Rezension

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In ihrem neuen Werk gelingt es ihr auf sehr kreative Weise, eigene Erfahrungen literarisch zu verarbeiten. … Ungewöhnlich ist auch Beate Rothmaiers literarische Auseinandersetzung mit der Gattung des Comics. Erzählerische Mittel der “graphic novel” werden teilweise verwendet, wenn es um komische und absurde Situationen geht, die in diesem Roman ebenfalls ihren Platz haben. Weit über Comic-Niveau hinaus ragt wohlgemerkt die Sprache in diesem Roman – präzise, sensibel, klug. Beate Rothmaier zeigt, wie schon bei ihren beiden Vorgänger-Romanen: welch’ einfühlsame und begnadete Erzählerin sie ist.

Deutschlandradio Kultur 23.9.2013. Zur Besprechung von Olga Hochweis

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Zuerst ist da die Liebesgeschichte zwischen einem Comiczeichner und einer exzentrischen Informatikerin, die in Zürich und der Einsamkeit der Berge spielt. Dabei gelingt Beate Rothmaier in einfühlsamen Naturbeschreibungen eine ganz eigene, poetisch verdichtete Sprache. Dann bekommt die junge Frau ein behindertes Kind. Dann verliebt sich der Vater in eine neue, aufregende Frau. Soll er die Treue zum älter, aber nicht selbstständiger werdenden Kind halten oder sein persönliches Recht auf Glück und Freiheit durchsetzen? Bis zuletzt hält der Roman durch überraschende Wendungen seine Spannung. Die intensive Sprache nimmt einem beim Lesen regelrecht den Atem – bis zum Finale an der Steilküste des Meeres. Dieses Buch ist mehr als ein Beitrag zum Thema Pränataldiagnostik und dem Umgang mit dem Anderssein: Es erhebt vielmehr literarische Ansprüche und löst sie ein.

Tages-Anzeiger Zürich, 16.9.2013

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Beate Rothmaier erzählt ihre ungewöhnliche Geschichte in einer ebenso ungewöhnlichen Form. Besonders die Szene am Schluss könnte von größter Bedeutung sein – womöglich stellt sie das, was man gerade noch für das Ende der Geschichte halten wollte, im letzten Moment auf den Kopf. Beate Rothmaier hat diese kurze Schlusspassage „Twist“ genannt. Ein angemessenes Finale für dieses verstörende, großartige Buch.

WDR 5, Scala vom 9.9.2013. Zur Besprechung von Carolin Courts (ab Min.36)

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LESUNG AUS ATMEN, BIS DIE FLUT KOMMT

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TEXTAUSZUG

An einem leuchtend blauen Novembermorgen beschließe
ich, mein Kind wegzubringen.
Paule ist schon vor langer Zeit dazu bereit gewesen,
hat es ja auch gemacht, bei mir aber dauerte es siebzehn
Jahre bis zu der schockhaft gewonnenen Einsicht, dass
es so nicht weiterging, dass ich nicht noch einmal würde
von vorn beginnen können, dass das ganz sicher keinem
Menschen zuzumuten war, bis ich diesen Entschluss
fassen und wahr machen konnte. Nichts wird ihn mehr
umstoßen. Sie oder ich. So einfach ist das.
»Muss ich nicht zur Schule?«, fragt sie, als ich sie wecke
und ihr sage, wir würden eine Reise machen. Sie versteht
nicht, schließlich sind keine Ferien.
»Das macht nichts. Du hast frei«, lüge ich und ziehe den
Reißverschlussfeiserschluss am roten Rollkoffer zu. »Ich
will mit dir ans Meer fahren. Sehen, wie es schneit.« Sie
blickt mich an, als wäre nicht sie mein Kind, sondern ich
das ihre, und starrt ein Weilchen vor sich hin. Dann geht sie
ans Fenster um nachzusehen, ob es schneit. Der Himmel ist
grellblau mit einem Stich ins Grüne, ein böiger Wind bläst
Papierschnipsel und eine geblähte Tüte über den Asphalt.
»Kein Schnee.« Sie setzt sich wieder aufs Bett und bleibt
mit rundem Rücken hocken.
»Eben. Darum fahren wir nach Norden. Ans Meer. Dort
schneit es.« Kurze Sätze. Klare Sätze. Eindeutigkeit. Langsam steigt sie in ihre Kleider, zieht die Stiefel an, setzt sich
die himbeerrote Mütze auf.
»Die Jacke, Lio. Nimm die warme. Die grüne Winterjacke.
« Keine Frage, kein Widerstand.
Auf der Treppe schiebt sie ihre warme und so erstaunlich
weiche Hand in meine. Sie steigt ins Auto, schnallt
sich an und wartet still, bis ich das Gepäck verstaut und
den Müll weggebracht habe.
Anfahren, abbremsen, runterschalten. Montagmorgen,
zehn vor acht. Ich taste nach den Knöpfen des Radios,
trommle mit den Fingern aufs Lenkrad. Rexona hat die
Glöckli a Fraue verteilt – so händs gmerkcht, wie viel sie sich
beweget. Der Verkehrsfunk meldet Staus und Stockungen
bis ans Brüttiseller Kreuz.
Alles muss sich ändern, jetzt sofort. So schnell wie möglich
auf die Autobahn, die uns wegführen wird, dahin, wo
das Mädchen bleiben soll. Im Schneetreiben. Am Meer.
Jedoch. Schon stecken wir im Berufsverkehr auf der Quaibrücke
fest, links die Limmat, rechts der See und hinter
mir das Mädchen, das sich jetzt aufrichtet mit zerdrücktem
Haar und aus dem Seitenfenster aufs Wasser schaut,
das zufriedene Gesicht glänzend vor Freude über diesen
besonderen Morgen. Sie lächelt nicht. Sie vertraut mir.
Ich drehe das Radio aus und folge Lios Blick nach
Süden. Auf der spiegelnden Fläche des Sees kleben zwei
Schwäne und ein Fischerboot wie eine reglose Kinderbastelei
vor den so nah gerückten Bergen. Jeder Zacken,
jedes Eisfeld, jeder Grat ausgestanzt aus einem weißlich
blauen Himmel, als wollten sie von unseren ungeübten Städterhänden betastet werden, als wollten sie sich einprägen
in Haut und Körperoberflächen. Über der Alpenkette
reißen blasse Schlieren von einer Wolkenhaube, driften
in die Höhe, während die Welt stillsteht, kein Hauch die
glänzende Wasserfläche kräuselt. Scharfes Licht schneidet
die Augäpfel. Das Föhnfenster steht offen. (…)

Beate Rothmaier - Atmen, Bis die Flut kommt

Seit August 2013 im Buchhandel
394 Seiten, gebunden, Deutsche Verlags-Anstalt
ISBN 978-3-421-04495-2
€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] |
CHF 28.50 (empf. VK-Preis)

Auch als E-Book erhältlich