Beate Rothmaier Autorin

Caspar

Roman

PRESSESTIMMEN

„In Beate Rothmaiers Roman zeigt sich ein so eigenwilliges wie souveränes erzählerisches Ingenium. Ihr poetischer Realismus nach Art Conrad Ferdinand Meyers bedient sich eines kunstvoll archaisierenden Idioms und geht doch wundersam zu Herzen.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2005

„Beate Rothmaier ist das kleine Wunder gelungen, ein intelligentes, gekonnt inszeniertes und stilistisch eigenständiges Buch zu machen.“ Süddeutsche Zeitung, 2006

„Immer wieder schaltet Rothmaier Serien von Sinneswahrnehmungen in den Text ein, die den Leser durch die Präzision der Wortwahl und des dem Vorgang eigentümlichen Rhythmus’ zur Kompassion drängen.“ Frankfurter Rundschau, 2006

„Sinnlich, zupackend und bildhaft ist das Vokabular, rasant das Tempo. Jedes Wort scheint mit einer dunklen Energie aufgeladen zu sein. Man kann dem Sog aus Angst, Überlebenswillen und überschäumender körperlicher Energie, die Caspar treiben, kaum widerstehen.“ Tages-Anzeiger, 2005

„Ein Fabulierkunststück, das aus der üblichen literarischen Produktion hervorsticht; nahe gebracht durch eine artistische Prosa, die archaisch wirkt, ohne altertümlich zu sein, die sehr kraftvoll ist und doch zugleich höchst subtil in ihrer Wahrnehmungsfähigkeit. Ob Caspar atmet, Angst hat oder einen glücklichen Moment erlebt – man erfährt es in unmittelbarer Leibhaftigkeit.“ Deutschlandradio, 2006

„Dieses Buch hat mich in diesem Jahr am meisten beeindruckt!“ Brigitte Kronauer, Falter, 21.12.2005

TEXTAUSZUG

Sie gingen langsam alle drei, setzten einen Fuß vor den andern, den vierten Tag ohne Pause. Schweigen. Sommerhitze. Caspar wusste nicht, warum keiner was sagte. Er hatte einen Stecken gefunden, schwang ihn als Wanderstab, schlug die Farnwedel am Wegrand. Grüne Blattfetzen flogen durch die Luft. Er blieb stehen und haute die Wedel als wären sie Soldaten auf dem Schlachtfeld. Sie fielen hin und regten sich nicht mehr. Die Mutter rief nach ihm, doch er warf sich in die Lücke, die er ins Grün gehauen hatte und spähte zwischen den Stengeln hindurch. Der Sauer ging einfach weiter. Hoch trug er den Kopf und warf die fatzengeraden Beine nach vorn. Seine blonden Locken unter dem Dreispitz wippten in der Mittagssonne, die Strumpfsocken waren ordentlich unter den Bünden der Hosenbeine festgezurrt und sahen aus der Entfernung fast weiß aus. Jetzt blieb der Stiefvater stehen, doch er blickte nicht zurück. Er stand still, atmete tief und sah die Straße hinab. Er schaute in die Richtung, in die er schnell gehen wollte. Er schaute und rührte sich nicht. Nur sein Rücken bewegte sich. Paula stand zwischen ihnen beiden und sah von einem zum andern. Caspar hielt den Atem an. Dann kam seine Mutter zu ihm und ließ sich neben ihn fallen. Der Junge atmete aus. Paula seufzte und warf die Arme über den Kopf. Dunkle Flecken hatten sich unter ihren Achseln ausgebreitet. Sie roch nach Herbstregen und Pilzen, obwohl jetzt Sommer war und die Sonne brannte. Sie waren auf der Reise und Caspar wusste nicht wohin, noch warum.
„Ah“. Schnell hob und senkte sich ihre Brust, während sie die Schuhe von sich warf, die Röcke über die Knie zog, sich damit Luft zufächelte und die Augen schloss. Eine schwarze Strähne klebte an ihrer Wange, ein Lächeln huschte vom Mundwinkel zu den Wimpern, sie schürzte die Lippen. Aus der Tiefe ihrer Röcke zauberte sie einen Frühapfel hervor, biss hinein, dass der Saft spritzte, biss ein Stück heraus und gab es Caspar. Sie kauten.
„Frau, steh auf, wir müssen weiter.“ Paula lächelte breiter und spuckte ein Stück vom Kernhaus ins Gras. „Frau!“ Der Sauer rief zum zweiten Mal. Keinen Schritt würde er zurückgehen. Paula setzte sich auf. Ihre schwarzen Augen blitzten.
„Wir müssen uns ein wenig ausruhen.“ Sie sprach zwischen den Apfelstücken hindurch, kaute weiter, ließ sich wieder nach hinten fallen. Der Sauer drehte sich nicht um. Er blickte die Straße hinab, die er gehen wollte, die er schnell gehen wollte, an deren Ende Anspach liegt. Anspach, seine Heimatstadt. Anspach, wo man auf ihn wartet. Doch sein Weib will im Straßengraben liegen, will ausruhen, will mit langen Zähnen in einen Apfel beißen, wird am Ende dem Jungen das Ziel ihrer Reise verraten. Anspach. Sauer ging noch zwei Schritte, setzte sich an den Straßenrand, die Füße Richtung Heimat, den runden Rücken Richtung Frau und Kind.

Caspar legte den Kopf auf den Bauch seiner Mutter und hörte, wie die Apfelstücke hineinfielen. Ein Rumpeln, Gurgeln, Rauschen. Leise Hilferufe gelangten an sein Ohr. Er grub das Gesicht in ihren Schoß, biss in ihren Bauch, musste den armen Apfel retten, der ins Fegefeuer gefallen war und dort verbrannte. Paula steckte zehn Finger in Caspars struppiges Haar und rüttelte ihn wie einen jungen Hund. Dann ließ sie ihre Finger seinen Rücken hinabkrabbeln, bis er den Kopf in den Nacken warf, den Mund weit öffnete, die auseinander stehenden Milchzähne zeigte und kreischend lachte. Und lachte. Jetzt reicht’s! Der Sauer erhob sich, senkte das Kinn, schritt eilig zu den beiden, zählte laut die Schritte, die er auf dem einmal gemachten Weg zurück gehen musste. Wegen ihr. Wegen ihrem Kind. Diesem Balg. Er packte den Jungen am Arm und riss ihn in die Höhe. Die Beine des Kindes knickten weg, schlaff wie eine Puppe hing er am Arm des Stiefvaters, versuchte die Knie durchzudrücken, fand ein wenig Stand auf den Zehen, sah die Hand nicht herabfallen, denn sie kam zu schnell, spürte nur das Knallen im Ohr, den Feuerwall im Gesicht. Großer Lärm: Knallen, Rauschen, Schreien, Knallen, Rauschen, Schreien. Caspar hörte die Stimme seiner Mutter nicht. Sie blieb still wie so oft, seit es den Sauer gab in ihrer beider Leben. Sie hob ihre Hände vors Gesicht, ließ sie wieder fallen. Als Caspars Nase blutete, ließ der Stiefvater ihn los. Der Junge wischte sich mit dem Ärmel die Nase ab. Er solle auf sein Hemd Acht geben, murmelte die Mutter. Caspar sah sich um. Wo ist der Stecken? Er schielte zu der Grasmulde, in der sie zu zweit gelegen waren, schielte zum Sauer, der weiterschritt wutentbrannt und ihn nicht beachtete, huschte schnell zurück, suchte und fand ihn. Die Mutter ging langsam hinter dem Sauer her. Strähnenweise hing ihr das Haar ins Gesicht. Caspar leckte Blut von den Lippen, versuchte einen Schritt, es ging. Er schwang den Stecken als Wanderstab. (…)

Beate Rothmaier, Caspar

Zürich: Nagel & Kimche, 2005
Roman, 192 Seiten, gebunden
€ 17,90 [D] | € 18,40 [A] |
CHF 32.50