Beate Rothmaier Autorin

Fischvogel

Roman

PRESSESTIMMEN

„Das Buch entwickelt einen ungeheuren, manchmal unheimlichen Sog. Beate Rothmaier gelingen sinnlich gesättigte Augenblicke von oft archaischer Wucht.“ NZZ am Sonntag, 2010

„Es ist vor allem dieser fantasievolle und ernste Ton, der einen in den Bann zieht, die eindringlichen, gewaltigen Bilder des Buchs. Virtuos hält Beate Rothmaier die Balance zwischen den Tagträumen eines heranwachsenden Mädchens und der sie umgebenden irritierenden Realität. Ein Meisterwerk.“ Deutschlandradio, 2010

TEXTAUSZUG

Mika fuhr mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss, verließ das Gebäude und ging in den parkähnlichen Garten – wo nasse Bänke standen und es von den Bäumen tropfte. Sie trödelte auf der kahlen Wiese vor dem Gebäudeflügel herum, in dem die Kinderstation untergebracht war. Ein vielstöckiger Betonbau, schmal und hoch, und ganz oben, im letzten Stockwerk unter dem Himmel, lagen die Kinder in den Gitterbetten und warteten. Sie warteten darauf, dass ihnen Flügel wuchsen. Das hatte Mika gedacht, als sie die Kleinen von Weitem durch die Glastür oder in einem der eilig vorübergeschobenen Betten gesehen und versucht hatte, einen Blick auf den Rücken des Kindes zu erhaschen. Die Falten, Erhebungen und Bauschungen der Kindernachthemden und kleinen, geknöpften Schlafanzugjacken waren die Andeutungen. Darunter wuchsen den Kindern neue Gliedmaßen. Bald würden die Hemden zu eng werden, und die Schwestern würden Schlitze hineinschneiden müssen, aus denen nackte Flugarme herausdrängten, um sich auszustrecken, bis sie schließlich Wochen später, ausgewachsen und zu ihrer ganzen Größe entfaltet, sich zu befiedern begannen und innerhalb weniger Tage von Flaum bedeckt waren, der sich im hellen Licht des Tages kräftigte, der Kiele und Schäfte, Häkchen und Fahnen bildete, bis sich die Federn, die Muskeln, die Knochen der neuen Körperteile so weit ausgebildet hatten, dass sie sich unwillkürlich zu bewegen begannen, zögerlich zuerst, ruckartig und unbeholfen, um nach und nach in geschmeidigere, fließendere Bewegungen überzugehen, die nicht das Kind erzeugte, von denen es vielmehr ergriffen wurde, lange flügelschlagende Wellen, die den Körper mit sich rissen in die Luft, wo das Kleine schließlich bereit war, sich aufzuschwingen und davonzufliegen, meistens geschah das zwischen Nacht und Morgen. Das ganze oberste Stockwerk dieses Betonhochhauses stellte sie sich als eine einzige Verwandlungsanstalt von Kindern in Flugwesen vor und nannte sie bei sich ‘die Engelfabrik’.
»Ickiii.« Sie sah nach oben. Eines der blanken Fensteraugen hatte sich geöffnet, darin stand ihre Mutter und hielt den Kleinen hoch. Er winkte heftig. »Mickey«, rief er noch einmal, und seine helle Stimme überschlug sich, brach. Sein ganzer Körper wackelte auf dem Arm der Mutter, ja, sie selbst geriet ins Schwanken, und so standen sie gemeinsam im Dunkel der Fensterfüllung und wankten; zerbrechliches Paar.
Die Mutter gab ihr ein Zeichen, nach oben zu kommen, wo sie sich wenig später vor den Türen der Kinderstation trafen, und Mika erfuhr, dass sie würde warten müssen, bis der behandelnde Arzt abkömmlich sei und die Entlassungspapiere für den Kleinen würde unterschreiben können. Die Mutter meinte, sie habe jedenfalls die Kleider und Spielsachen schon zusammengepackt und rechnete damit, dass es höchstens noch eine halbe Stunde dauern würde. Sie brachten den Koffer des Kleinen ins Auto und gingen in die Cafeteria des Krankenhauses, wo sie still vor ihren Colaflaschen warteten, dass die Zeit verging. Am Tisch nebenan saß eine Frau mit einem Kopftuch aus giftgrünem Chiffon, dessen Knoten sie im Nacken immer wieder betastete. Ab und zu schlurfte ein Patient in einem blau-rot gestreiften Bademantel herein, setzte sich und rauchte, oder ein Arzt eilte vorbei mit großen Schritten und schlenkerndem Stethoskop am Hals. Die Mutter trank aus, schob Mika ein Comicheft über den Tisch und erhob sich, um wieder auf die Station zu gehen und nach dem Arzt mit den Entlassungspapieren zu suchen. Mika las. Es war fast dunkel, als die Mutter sie abholen kam, den Kleinen auf dem Arm. Mika hob den Blick von fern her. Sah die beiden an und schloss das Buch.

Das Auto raste durch die dunklen Straßen. Der Kleine neben Mika hatte den Kopf an ihren Arm gelehnt und schlief. Sie verließen die Großstadt auf einer der Ausfallstraßen. Peitschenlampen warfen weiße Lichtkegel auf die Straße. Über die Lehne des Fahrersitzes, über die Kopfstütze, über den Hinterkopf der Mutter und den Himmel des Wagens huschten die Schatten. In schnellen, rollenden Bewegungen fuhren die Köpfe von Mika und dem Kleinen aus der Tiefe herauf, huschten über die Rückenlehne des Fahrersitzes, um über und hinter den beiden zu verschwinden und aus dem Fußraum wieder aufzutauchen, über den Sitz, die Kopfstütze in den Himmel des Wagens zu steigen, sich zu verlieren und wieder von den Füssen aufzusteigen und sich über ihnen zu verlieren und wieder aufzusteigen, zu verschwinden, aufzusteigen, zu verschwinden, schneller, schneller, solange die Mutter Gas gab und beschleunigte. Langsamer, zähflüssiger, fast träge, als sie an eine Ampel kamen und auf das grüne Licht warteten. Die Schattenköpfe waren versunken. Mika lauerte mit halb geschlossenen Augen darauf, dass sie wieder auftauchten. Der Kleine schlief. Das rote Licht hielt sie fest, und im Wageninneren entstand eine chaotische Lichtsituation, die helleren und dunkleren Schatten der Kinder, dahin und dorthin, übereinander und ineinander geschoben und als Scherenschnitte gebannt. Mika sah die Schattenköpfe nicht mehr und wollte, als der Wagen beschleunigte und sie weiterfuhren, dass sie nie mehr erscheinen sollten. Eine leere Kreuzung, eine mehrspurige Straße, links und rechts ein Gewerbegebiet in der Nacht, der Lichtwurm einer kaum besetzten S-Bahn; die Köpfe sollten für immer verschwunden bleiben, doch unverdrossen nahmen die Schatten ihre rhythmischen Wanderungen wieder auf. Sie schläferten Mika ein, und da, im Halbschlaf, als der Oberkörper des Kleinen in ihren Schoß sank, der jähe Wunsch, er solle tot sein. Alles solle vorüber sein. Die Krankheit würde nicht enden. Mika wusste auf einmal, dass sie nicht heilbar war und wünschte es auch nicht mehr. Der Kleine sollte verschwinden, mitsamt den Schwierigkeiten, die er mit seiner Krankheit verursachte und die ihr Leben schon seit mehr als einem Jahr bestimmten. Alles, alles würde gut werden. Der Kleine tot sein und alles wie vorher.
(…)

Beate Rothmaier, Fischvogel

München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2010
Roman, 224 Seiten, gebunden,
ISBN 978-3-421-04475-4
€ 17,95 [D] | € 18,50 [A] |
CHF 25,90 (empf. VK-Preis)