Beate Rothmaier Autorin

Neues

Text zum Fest für Menschenrechte und Demokratie am 22. September 2018 in Ellwangen

Heimat heisst Ubuntu zum Beispiel

Ich bin Schriftstellerin und gehe mit Wörtern um. Deutsche Wörter im Allgemeinen. Ich klaube sie zusammen um Dinge zu sagen, die eine bestimmte Erfahrung, eine Einsicht vielleicht sogar eine Erkenntnis ausdrücken. Ich reihe sie aneinander, um Geschichten zu erzählen.
Es gibt aber auch einzelne Wörter, die eine ganze Geschichte erzählen. Heimat zum Beispiel. Sündenbock.

Heimat gehört, wie Warmduscher, Wanderlust, Kabelsalat, Waldeinsamkeit zu den unübersetzbaren deutschen Wörtern. Für sie gibt es in anderen Sprachen keine Entsprechung, man muss einen ganzen Satz formulieren um sagen zu können, was man darunter versteht. Oft nicht nur in der fremden, sondern auch in der eigenen Sprache, denn Heimat ist für jeden etwas anderes:

Heimat ist das Linoleum im Klassenzimmer, das nach Bohnerwachs riecht,
der Duft der faulenden Früchte auf den Streuobstwiesen im Spätsommer,
das krachende Geräusch beim Zerbeißen gebrannter Mandeln aus einer rosa-weiß gestreiften Papiertüte,
der Geruch nach Holzfeuer und Schnee kurz vor Wintereinbruch, das Klingeln einer Ladenglocke.
Das milchige Licht eines Herbstmorgens,
die losen Spinnwebfäden in der Spätsommersonne,
Schnee, der von unten nach oben fliegt,
das Gurren der Türkentauben auf dem Hausdach,
die zärtliche Kühle des Schlamms zwischen den Zehen, bevor man losschwimmt, zur Insel und zurück,
der Tanz der Libellen über der Wasseroberfläche.

Heimat können Wörter sein, Landschaften oder Gerichte, der Geschmack von Pfitzauf mit Vanillesoße. Der Gyrosteller, das erste Spaghetti-Eis, ein Espresso im Stehen.

Der Begriff Heimat kam zuerst in Gestalt der Heimatkunde über mich. In der Grundschule mussten wir den Verlauf der Bundesstraßen durch den Landkreis (der damals noch Kreis Aalen hieß) auswendig lernen. B 19, B 29, B 290. Das war in den autoverliebten 70er Jahren nach dem Lehrplan Heimat.

Ich bin in der Welt unterwegs gewesen und zurückgekehrt. Als ich ankam, war die Welt hierher gekommen. Von der Welt habe ich gelernt: die unübersetzbaren Wörter sind die Heimat der anderen.
Heimat heißt Ubuntu zum Beispiel, Korebi, Jayus, Pisan Zapra, Samar, Naz, Hanyauku, Gurfa, Cotisuelto oder Karelu.

Andere Sprachen haben Wörter für so wichtige Dinge wie
das Sonnenlicht, das durch die Blätter von Bäumen schimmert: Korebi (japanisch), die Zeit, die man braucht, um eine Banane zu essen: Pisan Zapra (malaiisch), das Gefühl von Stolz und Sicherheit, das aus dem Wissen entsteht, bedingungslos geliebt zu werden: Naz (Urdu),
der Abdruck, der auf der Haut bleibt, wenn man etwas zu Enges getragen hat: Karelu (aus dem südindischen Tulu), bis nach Sonnenuntergang aufbleiben und mit Freunden eine gute Zeit verbringen: Samar (arabisch),
einen Witz, der so schlecht ist, dass man gar nicht anders kann, als zu lachen: Jayus (indonesisch).

Mein liebstes unübersetzbares Wort kommt aus dem afrikanischen Nguni Bantu, es heißt Ubuntu und meint das Prinzip: Ich finde meinen Wert in dir, und du findest deinen Wert in mir. Ubuntu ist ein
Begriff der südafrikanischen Philosophie und kann verstanden werden als eine Mischung aus Menschlichkeit und Freundlichkeit, oder: ich bin, was ich bin, weil wir alle sind, was wir sind.
Unübersetzbares ist zuerst unverständlich, dann überraschend, dann bringt es uns zum Staunen: warum haben wir keine Wörter wie
Gurfa, ein arabisches Substantiv, das die Menge Wasser bezeichnet, die man in einer Hand halten kann oder
Cotisuelto, aus dem karibischen Spanisch, für einen Mann, der sich weigert, sein Hemd in die Hose zu stecken?
Immer bleibt etwas an der Begegnung mit dem Fremden unverständlich, immer bleibt ein unübersetzbarer Rest: auf ihn kommt es an. Das ist das Paradox. Er ist es, der die Welt reich macht. Und wenn wir uns mit ihm, diesem unübersetzbaren Rest, beschäftigen, merken wir, dass er uns gefehlt hat. Denn er erzählt uns die Geschichte dessen, was wir schon kannten, wofür wir aber kein Wort hatten.
Hanyauku zum Beispiel. Für uns eine Urlaubserfahrung, Alltag in Namibia, denn Hanyauku heißt: Auf Zehenspitzen über heißen Sand laufen.
Oder eben: Ubuntu. Ich finde meinen Wert in dir und du findest deinen Wert in mir.

PDF hier:
Heimat heißt Ubuntu zum Beispiel

Foto © Beate Rothmaier

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Mach eine Geschichte

Schreibwerkstatt mit Beate Rothmaier

Programmheft Sommer in der Stadt

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Die unbewussten Alltäglichkeiten und der besondere Augenblick

Text für “Kompost Tagebuch” von Christine Hunold, Berlin, 2018. www.christine-hunold.com

Cover Kompost Tagebuch

Es ist der Morgen nach einer dieser Nächte. Freunde waren gekommen, und während draußen der Schnee fiel, wurde ein Essen gekocht, Wein getrunken, viel geraucht, und auf einmal, keiner weiß warum oder wann genau es geschah, war nach ein paar Stunden des Zusammenseins die Öffnung der Seelen möglich. Einer fasste sich ein Herz und sprach von sich. Nicht von den Leistungen, den Erfolgen, den Gewinnen. Sondern von Zweifeln, Ring- kämpfen und den Hinterlassenschaften früherer Entscheidungen. Plötzlich, und nicht nur, weil es für einen Augenblick still geworden war, stellte sich, ohne die Unterschiede zu verwischen oder aufheben zu wollen, etwas ein: Einmütigkeit. Ein gemeinsamer Mut, es nochmal aufzunehmen mit dem Leben, ein Schwingen auf gleicher Seelenfrequenz.
Ich schreibe, um die Dinge dem Vergessen zu entreißen. Der Satz von Simone de Beauvoir erzählt davon, was es heißt, im Immergleichen das Besondere zu entdecken. Es festzuhalten, es herauszuschälen, es vom Überflüssigen zu entkleiden, es genießbar zu machen. Doch was hat es mit dem Überflüssigen auf sich, mit dem, was übrig bleibt, das keiner Notiz oder Erinnerung wert scheint? Wohin mit den Resten eines feinen Essens, einer mehr oder weniger aufwendigen Kocherei, gemeinsam, in Erwartung der Gäste, in der Hoffnung auf einen besonderen Abend, der sich dennoch so selten ergibt? Was soll mit dem Abfall geschehen, nun, da er nicht mehr gebraucht wird? Es sind die alltäglichen Verrichtungen, in denen ständig etwas geschieht. Diese zahllosen kleinen Handlungen bilden das Hintergrundrauschen zu den besonderen Augenblicken, in denen etwas lebendig wird und springt, wie Funken, Wassertropfen oder ein kleines Hüpftier, so dass sie sich herausstemmen aus dem Alltäglichen und wir sie nicht mehr vergessen werden.
All diese Bemühungen unseres täglichen Treibens, sie geraten in Vergessenheit, bleiben unter der Bewusstseinsschwelle, und keiner wird am Ende sagen, ich habe in meinem
Leben 19mal Domino gespielt, 10 868 Geschenke erhalten oder im Jahr 1943, dem Geburtsjahr meines Sohnes Leslaw, 148 Bücher gelesen, wie es die polnische Hausfrau Janina Turek in ihrem erstaunlichen Tagebuch über 57 Jahre hinweg protokolliert hat. Ohne Gedanken oder Gefühle zu äußern notierte sie, wem sie „Guten Tag“ gesagt hat, wie oft sie ins Kino gegangen ist, was sie zum Frühstück und zu den anderen Mahlzeiten gegessen und wie viele Personen sie im Vorbeigehen gesehen hat (84 523).
Die Philosophin Jolanta Brach-Czaina hat die metaphysische Dimension der Alltäglichkeit beschrieben, wonach die Grundlage unserer Existenz die unbewusste Betriebsamkeit ist. Diese nicht wahrzunehmen, sie zu negieren, heißt, uns selbst zu negieren. Unsere Existenz, und zwar in ihrer Gesamtheit, mit diesen besonderen, sich so selten einstellenden, oben beschriebenen Augenblicken, die immer erst aus der langen Reihe endloser, scheinbar immergleicher Handlungen heraus ihre Besonderheit entfalten können: „Man kann sich nicht mit der Rolle des unbewussten Handlangers existenzieller Tätigkeiten abfinden. Auch aus Selbstschutz muss man dem Sinn des Alltäglichen nachjagen wie einem Verbrecher“, sagt die Philosophin.
Was soll mit den Aufzeichnungen der Janina Turek geschehen? Was soll geschehen mit den Überbleibseln unserer eigentlichen Vorhaben, die als Spargelschalen, fein wie Engelshaar, als schwarzrot gefleckte Kirschsteine, als Wursthäute, Fischgerippe, ausgepresste Zitronen- hälften, Erdbeerstrünke, Korken, Kaffeesatz, ausgewischte Eierschalen und ausgekratzte Vanilleschoten in einer weißen Emailschale mit dunklem Rand landen und in ihr, Tag für Tag, in den Garten getragen und auf den Kompost geworfen werden?
Klar sie werden eines Tages dafür sorgen, dass Neues gedüngt und genährt wird, dass es wächst und gedeihen kann. Doch in der Zwischenzeit? Der Blick in unseren Müll geht ans Eingemachte. Kompost kommt von Kompott. Beiden liegt das compositum, das Zu- sammengesetzte zugrunde und lange Zeit war der Kompost einfach eingelegtes Kraut,
eingemachtes Gemüse und Obst, wie Quitten, Schlehen, Birnen, Weinbeeren und er hatte von Komps bis Gumpisch viele Namen. Nicht nur Obst und Gemüse, auch Erde, Stroh, Gras, Laub und dergleichen, lassen sich lagenweise einmachen und werden so zum Compostdünger.
Christine Hunolds „Kompost Tagebuch“ verrührt in raschem Wirbel die Lebensmittelreste zu einem irisierenden Kompott der Farbringe. Durch den Perspektivwechsel in dieser neuen Arbeit von der Untersicht der „Horizonte“-Serie zur Draufsicht auf das Weggeworfene, das Abjekt, das Abgefallene, den Abfall, unterwirft sie die täglichen Überreste ihrem künstlerischen Interesse und stellt die Frage nach dem, was wir wegwerfen und dem, was daraus noch zu machen wäre.
Im Karussell der Zentrifugalkräfte verwischt die Künstlerin die Essensreste zu einem Kom- post, einem compositum, ganz eigener Art. Zweidimensionale, flache Strudel, zart und weit weniger raumgreifend als die vereinzelten Lebensmittel in der danebenliegenden Fotografie. In der Verschleierung durch die Kreisbewegung nimmt die Künstlerin den Kompostierungs- prozess vorweg und schafft es auch, das aus ihm neu Erstehende bildhaft zu machen.
Pfirsichsteine, Kürbisschalen, abgezupfte Petersilienstengel, Körner, Blätter, Blüten. Viele der Kompostabfälle sind noch erkennbar als das, was sie einmal waren, als die schlechteren Hälften dessen, was im Topf und auf dem Teller landet. Doch manches ist bereits im Zustand des Zerschnepseltseins nicht mehr identifizierbar, nicht mehr zuordenbar. Das ist unheimlich, aber der erste Schritt hin zur Abstraktion, die schließlich alles Lebendige in zer- fließenden Farbkreisen auflöst. Strudelnd überlassen wir uns dem psychedelischen Sog des Kreisens, schnell und schneller, den Blick auf das Zentrum geheftet, das sehr hell oder ganz dunkel, uns dahin lockt, wo wir herkommen und wieder enden werden.

Januar 2018

Auszug aus: Kompost Tagebuch: Die unbewussten Alltäglichkeiten und der besondere Augenblick

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Den CASPAR gibt es neu als e-Book

Er hat ein neues Gewand erhalten vom Buchgestalter Guido Widmer, Zürich, und kann für alle mobilen Endgeräte

HIER

heruntergelade oder in den online Bookshops gekauft werden.

Caspar. Das eBook, November 2017, €10.99

Ein Exemplar aus der Erstauflage des Hardcover-Buchs gibt es noch direkt unter info@beaterothmaier.net

“Caspar saß in der Farnhöhle und sah in den trüben Nachmittag hinaus, Kälte kroch aus der Erde, auf die es seit Tagen regnete. Es war Ende September und der Sommer stand nur noch wacklig in den Schuhen. Sein Vater, dessen war er nun sicher, lebte als Räuber in den Wäldern südlich der Donau. Ein Räuberhauptmann, das war er, mit löchrigem Hut und Narben im Gesicht. Seine Bande lagerte lärmend um ein Feuer, fraß und trank. Doch wenn er auf seinem Pferd zu ihnen sprengte und lachend aus dem Sattel sprang, wurden sie still und jeder wollte der erste sein, der ihm aus den Stiefeln half oder sein Ross trocknete. Eines Nachts würde er kommen und ihn holen. Nein. Er wusste ja nicht, wo er ihn suchen musste. Wusste er überhaupt etwas von ihm? Wusste er gar nicht, dass es ihn gab? Den Kaschper, seinen Sohn? Die Mutter hatte nie von seinem Vater erzählt. Es war, als ob nur andere Menschen Väter hätten. Er war immer mit der Mutter allein gewesen, seit er denken konnte. Das war ihm richtig vorgekommen. Er kannte ja nichts anderes. Doch auf einmal gab es ihn. Einen Namen nur und eine Handvoll Gerüchte. (..)”—

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High Line, Mittelmäßigkeit, and The Unborn Child.

Interview with Writer in residence Beate Rothmaier

Juliane Camfield, Deutsches Haus: Please tell us about your experience of New York. What has changed since your first visit to the city, and how does living here differ from visiting?

BR: New York in my eyes has become an even busier and faster city. People always appear under pressure, areas like the East Village, the Lower East Side have changed a lot since my last visit in 1993. Gentrification has come, houses are wrapped in scaffolding, and many buildings have notices affixed to their walls with permits for rebuilding. And of course, New York after 9/11 is a wounded city. At the Ground Zero Memorial site I read the names of young women who died in the towers with their unborn babies and many memories came back from my last visit to New York, when I sat on top of the World Trade Center, carrying my first child. What gives me hope and pleasure is to see that New York is very much a city of young people. So many fresh faces everyday and everywhere.

Could you tell us something about your creative process and work routine? Do you have a preferred writing time or place?

My work routine doesn’t consist of being a writer-in-residence since it is very much attached to my home and usual environment. It is necessary to have as few enticements, attractions and irritations as possible when getting a novel written. During my residency I am constantly collecting the new impressions, images, words, and encounters, and I feel like a whale drifting through the sea, filtering the water, holding back little nurturing treasures.

You are currently translating your first novel Caspar into English. Is this a difficult process, and are you experiencing this book, which you wrote in 2005 anew? Are you tempted to edit or rewrite certain passages?

When I stayed in London for six months I fell in love with the English language, especially with literature. I started to write short pieces in English, translated them back into German, revised them, translated them back into English – just as a fun game – travelled between the languages like a ferryman. The German word übersetzen means translating, as well as crossing a river. I thought, why not translate my first novel and have the experience of meeting my former writing self again. It was strange and funny and scary at the same time.

You are German, but have lived in Zurich, Switzerland for a long time. What has living in Switzerland taught you about being German?

What I learned is that being a German abroad means being associated with the darkest time in our history – the time of Nazism and World War II. And that Germans and Swiss people are separated by their so fundamentally different historical experiences.

May we ask what project you are currently working on? How will you spend your residency in New York?

Currently I am working on several projects: I am rewriting a collection of stories. The first draft is done. I am also working on my fourth novel, which will be about the making of human beings, as well as on a short essay about work – paid and unpaid – and its consequences, and I am as I mentioned above, collecting New York impressions without a certain goal in mind.

What books are you reading right now?

At the moment I am finishing the essays Living, Looking, Thinking by Siri Hustvedt, whose work always stimulates me. As for literature I have the pleasure of reading Oskar Maria Graf’s novel Flucht ins Mittelmässige which allows me to dive into the scene of German exiles during the fifties in New York: their struggles, intrigues and how they deal with the clash of Old European values and the new world in America. When coming to New York I discovered the poems of Edna St. Vincent Millay, one of America’s great poets, who is nearly unknown in Europe.

Interview über die Zeit in New York hier

Foto © Beate Rothmaier

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Writer-in-Residence at Deutsches Haus NEW YORK, April/Mai 2016.

Far Away, and Yet So Close

A Conversation on Fri. April 29, 5:30 pm

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Alle Veröffentlichungen HIER ___________________________________________________________________

Frau Kain

Frau Kain spricht

Wind seit Tagen Staubwolken wilde Hektik alles jagt scheint stillzustehen über dem Wüstental in dem ich wohne Wasser will ich holen trete vor das Zelt da seh ich ihn kommen ein Schemen in der grauen und gelben Luft flattern die Gewänder an ihm das Haupt verhüllt die Stirn gesenkt gegen den Sandsturm geht er langsam auf das Lager zu geht in meine Richtung kommt näher gleichgültig schreite ich den Krug auf dem Kopf mit wiegenden Hüften der Wind bläht mein Kleid gehe sehr langsam damit er mich betrachten kann zurück und setze das schwere Gefäß ab und schwanke dabei nur leicht husche ins Zelt linse zwischen den Planen hindurch nach ihm und sehe ihn da sitzen kauern eher einen Steinwurf weit entfernt und wie er wartet eine Nacht, noch einen Tag und nochmals eine Nacht (…)

Geschichte einer Schattengestalt.

Das Alte Testament errechnet das Alter der Menschheit auf ungefähr 6000 Jahre. Wissenschaftliche Erkenntnis datiert das Auftauchen des Homo Sapiens zurück auf 190 000 Jahre. Es kollidieren: Anthropologie und Bibelexegese. Evolutionstheorie und Kreationismus. Geschichtsschreibung und Prophetie. Und in diesem Zusammenprall erscheint eine Frau, die allen gleichermaßen angehört. Denn diese unterschiedlichen Annäherungen haben etwas gemeinsam, etwas, das sie miteinander verbindet: sie alle erzählen uns eine Geschichte. Und in dieser Geschichte erscheint als zentrale Gestalt: diese Frau. Sie ist alles in einem: eine Erzählfigur, eine geschichtliche Chiffre und eine biblische Gestalt. Es lohnt sich, diese Frauenfigur im Zentrum der Geschichten näher anzuschauen.
Unscheinbar ist sie, ohne Hintergrund, ohne Familie, ohne Freunde und besondere Merkmale, ja sogar ohne Namen. Nennen wir sie daher, wie das lange Zeit und heut noch vielerorts üblich ist, nach dem Namen ihres Mannes: FRAU KAIN. (…)

Beide Texte ganz in: Neue Wege, Beiträge zu Religion und Sozialismus, Heft 1 / 2015.

Foto © Beate Rothmaier
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Das fragile Gleichgewicht des Lebens

Zu Christine Hunolds Es gibt Tage

Ein Perspektivwechsel setzt die Fähigkeit zur Selbstobjektivierung
voraus. Um mich von außen betrachten zu können, muss ich aus mir
heraus- und einen Schritt zurücktreten. Die Beherrschung dieser
schwierigsten Disziplin künstlerischen Schaffens zeichnet die Arbeit
Christine Hunolds seit vielen Jahren aus. Schöpferisches Arbeiten verlangt radikale Subjektivität. Umso überraschender
der Wechsel in die objektive Außensicht: Christine
Hunolds Arbeit „Es gibt Tage“ realisiert beide Aspekte nicht nur, sie
verschränkt die Perspektiven. Sie konfrontiert die Zeichnung mit
der Fotografie mit dem Text.
Initiiert durch eine existenzielle Erfahrung stellt die Künstlerin die
subjektivierte Außensicht von Kinderfotos dem völlig objektivierten
Körpergeschehen im Inneren der Zellen gegenüber, deren
Degenerierung Hunold durch Zeichnungen und computerbearbeitete
Makroaufnahmen in Abstraktion überführt. Die entstehenden
Kippeffekte vom Innen ins Außen, vom Subjektiven ins Objektive,
von den extraterrestrisch anmutenden fraktalen Zellgebilden zum
unverstellten Blick des Kindes in den Schwarzweißfotos verbindet –
wie die Querstange einer Wippe – der gebetsmühlenartige fast
meditative Rhythmus der Texte „Es gibt Tage…“.
Die Textzeilen und die immer aufs Existenzielle zielenden Fragen
stabilisieren die auseinanderstrebenden Bildelemente des Werks –
Zeichnungen, Fraktale und Fotos – in einem prekären Gleichgewicht
und versöhnen Innen- und Außensicht. „Es gibt Tage“ ist eine große
Gedankenreise über die Fragilität der menschlichen Existenz.

Beate Rothmaier 2014

Zum Buch

Zu Christine Hunold Cover © Christine Hunold

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Atmen, bis die Flut kommt.

Textauszug

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Stille, Exil und List

Atelierstipendium LONDON der Stiftung Landis & Gyr, August 2015 bis Januar 2016.

Foto © Beate Rothmaier

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Maßlose Massen.

Direkte Demokratie als Feigenblatt des Populismus. Ein Essay

Über direkte und parlamentarische Demokratie. Die Volksabstimmung zur Masseneinwanderungsinitiative

PDF des Artikels aus der Sächsischen Zeitung vom 11. März 2014

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Herzigkeitsfaktor

Eine ‘Carte Blanche’, des Kulturtipp mit einigen Überlegungen zur Frage der Erzählbarkeit von Behinderung:

PDF Herzigkeitsfaktor

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info@beaterothmaier.net