Beate Rothmaier Autorin

Neues

Caspar saß in der Farnhöhle und sah in den trüben Nachmittag hinaus, Kälte kroch aus der Erde, auf die es seit Tagen regnete. Es war Ende September und der Sommer stand nur noch wacklig in den Schuhen. Sein Vater, dessen war er nun sicher, lebte als Räuber in den Wäldern südlich der Donau. Ein Räuberhauptmann, das war er, mit löchrigem Hut und Narben im Gesicht. Seine Bande lagerte lärmend um ein Feuer, fraß und trank. Doch wenn er auf seinem Pferd zu ihnen sprengte und lachend aus dem Sattel sprang, wurden sie still und jeder wollte der erste sein, der ihm aus den Stiefeln half oder sein Ross trocknete. Eines Nachts würde er kommen und ihn holen. Nein. Er wusste ja nicht, wo er ihn suchen musste. Wusste er überhaupt etwas von ihm? Wusste er gar nicht, dass es ihn gab? Den Kaschper, seinen Sohn? Die Mutter hatte nie von seinem Vater erzählt. Es war, als ob nur andere Menschen Väter hätten. Er war immer mit der Mutter allein gewesen, seit er denken konnte. Das war ihm richtig vorgekommen. Er kannte ja nichts anderes. Doch auf einmal gab es ihn. Einen Namen nur und eine Handvoll Gerüchte. (..)
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Den CASPAR gibt es neu als e-Book

Er hat ein neues Gewand erhalten vom Buchgestalter Guido Widmer, Zürich, und kann für alle mobilen Endgeräte hier oder in den online Bookshops gekauft und heruntergeladen werden.

Caspar. Das eBook, November 2017, €10.99

Ein Exemplar aus der Erstauflage des Hardcover-Buchs gibt es noch direkt unter info@beaterothmaier.net

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High Line, Mittelmäßigkeit, and The Unborn Child.

EXIT INTERVIEW WITH WRITER-IN-RESIDENCE BEATE ROTHMAIER

Juliane Camfield, Deutsches Haus: Please tell us about your experience of New York. What has changed since your first visit to the city, and how does living here differ from visiting?

BR: New York in my eyes has become an even busier and faster city. People always appear under pressure, areas like the East Village, the Lower East Side have changed a lot since my last visit in 1993. Gentrification has come, houses are wrapped in scaffolding, and many buildings have notices affixed to their walls with permits for rebuilding. And of course, New York after 9/11 is a wounded city. At the Ground Zero Memorial site I read the names of young women who died in the towers with their unborn babies and many memories came back from my last visit to New York, when I sat on top of the World Trade Center, carrying my first child. What gives me hope and pleasure is to see that New York is very much a city of young people. So many fresh faces everyday and everywhere.

Could you tell us something about your creative process and work routine? Do you have a preferred writing time or place?

My work routine doesn’t consist of being a writer-in-residence since it is very much attached to my home and usual environment. It is necessary to have as few enticements, attractions and irritations as possible when getting a novel written. During my residency I am constantly collecting the new impressions, images, words, and encounters, and I feel like a whale drifting through the sea, filtering the water, holding back little nurturing treasures.

You are currently translating your first novel Caspar into English. Is this a difficult process, and are you experiencing this book, which you wrote in 2005 anew? Are you tempted to edit or rewrite certain passages?

When I stayed in London for six months I fell in love with the English language, especially with literature. I started to write short pieces in English, translated them back into German, revised them, translated them back into English – just as a fun game – travelled between the languages like a ferryman. The German word übersetzen means translating, as well as crossing a river. I thought, why not translate my first novel and have the experience of meeting my former writing self again. It was strange and funny and scary at the same time.

You are German, but have lived in Zurich, Switzerland for a long time. What has living in Switzerland taught you about being German?

What I learned is that being a German abroad means being associated with the darkest time in our history – the time of Nazism and World War II. And that Germans and Swiss people are separated by their so fundamentally different historical experiences.

May we ask what project you are currently working on? How will you spend your residency in New York?

Currently I am working on several projects: I am rewriting a collection of stories. The first draft is done. I am also working on my fourth novel, which will be about the making of human beings, as well as on a short essay about work – paid and unpaid – and its consequences, and I am as I mentioned above, collecting New York impressions without a certain goal in mind.

What book(s) are you reading right now?

At the moment I am finishing the essays Living, Looking, Thinking by Siri Hustvedt, whose work always stimulates me. As for literature I have the pleasure of reading Oskar Maria Graf’s novel Flucht ins Mittelmässige which allows me to dive into the scene of German exiles during the fifties in New York: their struggles, intrigues and how they deal with the clash of Old European values and the new world in America. When coming to New York I discovered the poems of Edna St. Vincent Millay, one of America’s great poets, who is nearly unknown in Europe.

Interview über die Zeit in New York hier

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Writer-in-Residence at Deutsches Haus NEW YORK, April/Mai 2016.

Far Away, and Yet So Close

A Conversation on Fri. April 29, 5:30 pm

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Alle Veröffentlichungen HIER ___________________________________________________________________

Frau Kain

Frau Kain spricht

Wind seit Tagen Staubwolken wilde Hektik alles jagt scheint stillzustehen über dem Wüstental in dem ich wohne Wasser will ich holen trete vor das Zelt da seh ich ihn kommen ein Schemen in der grauen und gelben Luft flattern die Gewänder an ihm das Haupt verhüllt die Stirn gesenkt gegen den Sandsturm geht er langsam auf das Lager zu geht in meine Richtung kommt näher gleichgültig schreite ich den Krug auf dem Kopf mit wiegenden Hüften der Wind bläht mein Kleid gehe sehr langsam damit er mich betrachten kann zurück und setze das schwere Gefäß ab und schwanke dabei nur leicht husche ins Zelt linse zwischen den Planen hindurch nach ihm und sehe ihn da sitzen kauern eher einen Steinwurf weit entfernt und wie er wartet eine Nacht, noch einen Tag und nochmals eine Nacht (…)

Geschichte einer Schattengestalt.

Das Alte Testament errechnet das Alter der Menschheit auf ungefähr 6000 Jahre. Wissenschaftliche Erkenntnis datiert das Auftauchen des Homo Sapiens zurück auf 190 000 Jahre. Es kollidieren: Anthropologie und Bibelexegese. Evolutionstheorie und Kreationismus. Geschichtsschreibung und Prophetie. Und in diesem Zusammenprall erscheint eine Frau, die allen gleichermaßen angehört. Denn diese unterschiedlichen Annäherungen haben etwas gemeinsam, etwas, das sie miteinander verbindet: sie alle erzählen uns eine Geschichte. Und in dieser Geschichte erscheint als zentrale Gestalt: diese Frau. Sie ist alles in einem: eine Erzählfigur, eine geschichtliche Chiffre und eine biblische Gestalt. Es lohnt sich, diese Frauenfigur im Zentrum der Geschichten näher anzuschauen.
Unscheinbar ist sie, ohne Hintergrund, ohne Familie, ohne Freunde und besondere Merkmale, ja sogar ohne Namen. Nennen wir sie daher, wie das lange Zeit und heut noch vielerorts üblich ist, nach dem Namen ihres Mannes: FRAU KAIN. (…)

Beide Texte ganz in: Neue Wege, Beiträge zu Religion und Sozialismus, Heft 1 / 2015.

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h1. Das fragile Gleichgewicht des Lebens

Zu Christine Hunolds Es gibt Tage

Ein Perspektivwechsel setzt die Fähigkeit zur Selbstobjektivierung
voraus. Um mich von außen betrachten zu können, muss ich aus mir
heraus- und einen Schritt zurücktreten. Die Beherrschung dieser
schwierigsten Disziplin künstlerischen Schaffens zeichnet die Arbeit
Christine Hunolds seit vielen Jahren aus. Schöpferisches Arbeiten verlangt radikale Subjektivität. Umso überraschender
der Wechsel in die objektive Außensicht: Christine
Hunolds Arbeit „Es gibt Tage“ realisiert beide Aspekte nicht nur, sie
verschränkt die Perspektiven. Sie konfrontiert die Zeichnung mit
der Fotografie mit dem Text.
Initiiert durch eine existenzielle Erfahrung stellt die Künstlerin die
subjektivierte Außensicht von Kinderfotos dem völlig objektivierten
Körpergeschehen im Inneren der Zellen gegenüber, deren
Degenerierung Hunold durch Zeichnungen und computerbearbeitete
Makroaufnahmen in Abstraktion überführt. Die entstehenden
Kippeffekte vom Innen ins Außen, vom Subjektiven ins Objektive,
von den extraterrestrisch anmutenden fraktalen Zellgebilden zum
unverstellten Blick des Kindes in den Schwarzweißfotos verbindet –
wie die Querstange einer Wippe – der gebetsmühlenartige fast
meditative Rhythmus der Texte „Es gibt Tage…“.
Die Textzeilen und die immer aufs Existenzielle zielenden Fragen
stabilisieren die auseinanderstrebenden Bildelemente des Werks –
Zeichnungen, Fraktale und Fotos – in einem prekären Gleichgewicht
und versöhnen Innen- und Außensicht. „Es gibt Tage“ ist eine große
Gedankenreise über die Fragilität der menschlichen Existenz.

Beate Rothmaier 2014

Zum Buch

Zu Christine Hunold

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Atmen, bis Flut kommt.

Textauszug

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Stille, Exil und List

Atelierstipendium LONDON der Stiftung Landis & Gyr, August 2015 bis Januar 2016.

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Maßlose Massen.

Direkte Demokratie als Feigenblatt des Populismus. Ein Essay

Über direkte und parlamentarische Demokratie. Die Volksabstimmung zur Masseneinwanderungsinitiative

PDF des Artikels aus der Sächsischen Zeitung vom 11. März 2014

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Herzigkeitsfaktor

Eine ‘Carte Blanche’, des Kulturtipp mit einigen Überlegungen zur Frage der Erzählbarkeit von Behinderung:

PDF Herzigkeitsfaktor

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Pressestimmen zu ATMEN, BIS DIE FLUT KOMMT

Aber hier zeigt sich, daß Rothmaier ihre Siebensachen beisammen hat: Via Verflechtung von wissenschaftlichem, umgangssprachlichem und poetischem Vokabular bildet sich eine gegenwartsnahe, zugleich wie aus weiter Ferne kommende Antwort auf die Frage, weshalb dieses Los gerade diesen Mann und seine Tochter getroffen hat: Jene legendären, das Schicksal in sich bergenden DNA-Ketten sind nicht, so Konrads Erkenntnis, das Produkt einer großen kreativen, zielsicheren Geste der Biologie. Vielmehr formieren sie sich im wertfreien Spiel mit den Möglichkeiten. Ohne dieses Spiel gäbe es keine Genialität, nicht die Wunder der Evolution. Deren Wunden jedoch sind die »Affenkinder«, die »spontanen Mutationen«: Man sollte auch ihnen ein Denkmal setzen.

Armin Schreiber in: konkret: Politik & Kultur, 12/2013. Zur Rezension

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In ihrem neuen Werk gelingt es ihr auf sehr kreative Weise, eigene Erfahrungen literarisch zu verarbeiten. … Ungewöhnlich ist auch Beate Rothmaiers literarische Auseinandersetzung mit der Gattung des Comics. Erzählerische Mittel der “graphic novel” werden teilweise verwendet, wenn es um komische und absurde Situationen geht, die in diesem Roman ebenfalls ihren Platz haben. Weit über Comic-Niveau hinaus ragt wohlgemerkt die Sprache in diesem Roman – präzise, sensibel, klug. Beate Rothmaier zeigt, wie schon bei ihren beiden Vorgänger-Romanen: welch’ einfühlsame und begnadete Erzählerin sie ist.

Deutschlandradio Kultur 23.9.2013. Zur Besprechung von Olga Hochweis

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Zuerst ist da die Liebesgeschichte zwischen einem Comiczeichner und einer exzentrischen Informatikerin, die in Zürich und der Einsamkeit der Berge spielt. Dabei gelingt Beate Rothmaier in einfühlsamen Naturbeschreibungen eine ganz eigene, poetisch verdichtete Sprache. Dann bekommt die junge Frau ein behindertes Kind. Dann verliebt sich der Vater in eine neue, aufregende Frau. Soll er die Treue zum älter, aber nicht selbstständiger werdenden Kind halten oder sein persönliches Recht auf Glück und Freiheit durchsetzen? Bis zuletzt hält der Roman durch überraschende Wendungen seine Spannung. Die intensive Sprache nimmt einem beim Lesen regelrecht den Atem – bis zum Finale an der Steilküste des Meeres. Dieses Buch ist mehr als ein Beitrag zum Thema Pränataldiagnostik und dem Umgang mit dem Anderssein: Es erhebt vielmehr literarische Ansprüche und löst sie ein.

Tages-Anzeiger Zürich, 16.9.2013

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Beate Rothmaier erzählt ihre ungewöhnliche Geschichte in einer ebenso ungewöhnlichen Form. Besonders die Szene am Schluss könnte von größter Bedeutung sein – womöglich stellt sie das, was man gerade noch für das Ende der Geschichte halten wollte, im letzten Moment auf den Kopf. Beate Rothmaier hat diese kurze Schlusspassage „Twist“ genannt. Ein angemessenes Finale für dieses verstörende, großartige Buch.

WDR 5, Scala vom 9.9.2013. Zur Besprechung von Carolin Courts (ab Min.36)

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Caspar. Das eBook, November 2017, €10.99